Rektor a.D.

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Dr. Roland Haas

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Grußrede des Rektors der Universität Mozarteum
zur Eröffnung der Bruckner-Musikuniversität in Linz am 25. 6. 2004

   
     

Meine sehr geehrten Damen und Herren, werte akademische Festversammlung!

Wir leben mit zwei irrigen Annahmen.
Die eine ist, dass uns die Wissenschaften die Wirklichkeit schlüssig darstellen. Die andere ist, dass Künste mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben.

In Wirklichkeit verhält es sich so: Wissenschaften machen schlüssige Annahmen und Künste reflektieren die Wirklichkeit der Rezeption.

Wir glauben weiterhin, dass Wissenschaft das reine Denken sei – doch Gefühl und Einschätzung spielen eine bemerkenswerte Rolle für die Theorie. Zum anderen meinen wir, dass die Kunst das Gefühl besonders bevorzugt – doch die Kunst besteht unter anderem auch darin, das einmal gefundene Gefühl bewahren und reproduzieren zu können, damit also reflektiert umgehen zu können.

Eine Universität der Künste einzurichten, gibt vor, dass man zum einen alle Künste in einer Einrichtung versammelt, zum zweiten, dass man diese dort einer Untersuchung und Betrachtung unterzieht. Dies soll geschehen, um Erkenntnisse über das Wesen der Künste zu gewinnen und um die Künste lehrend weiterzugeben. Das österreichische Universitätsgesetz 2002 spricht den Universitäten sogar die Entwicklung der Künste zu. Immerhin: das heutige Wort Kunst kommt nicht von Können, sondern von „kunnan“, was soviel wie „geistig“ vermögen, wissen, Verstehen bedeutet hat.

Einst hießen sie die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Heute finden wir sie als Wissenschaften und Kunst wieder. Ist es noch immer möglich, von der ärztlichen Kunst zu sprechen, so fiele das niemandem für Geometrie oder Astronomie ein.

Hätte jemand je die Künste Wissenschaft genannt? Joseph Haydn sprach so über das kompositorische Vermögen Wolfgang Amadeus Mozarts in einem Brief an dessen Vater und auch Johann Sebastian Bach nannte es Wissenschaft, wenn der das Komponieren meinte.

Wir wollen doch Kunst nicht wissen, sondern erleben! Es sei denn, wir sind Wissenschaftler, die über die Entstehung eines Bildes oder einer Sinfonie forschen. Und wir wollen die Wissenschaft nicht erleben, sondern in Aussagen und Fakten vor uns haben.

Was bisher unterschiedlich, ja entgegengesetzt schien – die Wissenschaften in den Universitäten und Forschungsgesellschaften, die Künste in Akademien – wird das in den Universitäten der Künste neu zusammengeführt.

Sollen wir uns künftig aufs Denken besinnen und die Sinne bedenken?

Wissenschaft und Kunst basieren auf zwei unterschiedlichen Lebenserfahrungen des Menschen: zuerst, von Kind an, ist es die sinnliche Wahrheit des Lebens, sind es die Gefühle, die sich in einem Raum aus Klang und Licht mit Bewegung erschließen. Diese Wahrnehmung ist komplex und gesamt. Dann kommt die Abstraktion, die alles in die Folgebeziehung einer Bilder und Strukturwelt übernimmt.

Die Wahrheit unserer Erkenntniswelt besteht aus beidem. Wir trennen dies oft im Alltag oder in der Wissenschaft, aber wir wissen aus vielen psychologischen Untersuchungen, dass es kaum zu trennen ist. Spätestens im eigenen Körper und dessen Reaktionen ist das Zusammenspiel evident, aber es ist Wissenschaft vonnöten, um es analytisch oder emotional zu analysieren und zu veranschaulichen.

Forscher haben sich auf den Weg gemacht, diese Konstitution des Menschen zu entdecken: Biologen, Entwicklungspsychologen, Kognitionswissenschaftler, Mediziner und Neurobiologen führen die Debatte. Sie erforschen die Gefühle, die Konstrukteure unserer Konstitution.

Die Biologie reicht heute beschreibend auch in Bereiche der Kunst, wenn sie über Wahrnehmungsprozesse spricht oder über Hirnpotentiale. Wir dringen mehr und mehr in die Wirkungsweise unseres Denk- und Gefühlsapparates der Synapsen ein und entdecken, wie hier die Wahrnehmung emotional-sozial-kongnitiv in unserer eigenen Biologie aufgebaut ist. Es kann und wird eine neue Wissenschaft von der Kunst entstehen, eine Erkenntniswissenschaft für Sinne und Kognition, auch in der Musik und den Darstellenden Künste. Wirkungs-Ästhetik ist dabei das Grubenlicht.

Einen Künstler, eine Künstlerin leiten Interesse und Emotion. Das heißt Aufnahmebereitschaft für die sinnliche Erfahrung der Welt. Während wir anderen uns allmählich mit der Schulzeit von dieser Welt der sinnlichen Wahrheiten entfernen, die uns bis dahin sehr geprägt hat, reaktiviert der Künstler in seinem Ausbildungsprozess diese andere Wahrnehmung, die hochgradig Erkenntnis bringend war. Schließlich haben wir alle so sprechen und verstehen gelernt. Er beginnt, wider an die Wahrheit der Töne, der Farben, des Raums zu glauben. Seine Arbeit besteht darin, diese zu aktivieren. Er öffnet sich für Erlebnisse, die wir anderen schon lange unseren wichtigen Tagesgeschäften untergeordnet haben.

Um aber hier alles aufzunehmen, braucht der Künstler zwei Wissenschaften. Eine, um diese Dinge zu entdecken, eine andere, um sie für uns sichtbar oder hörbar zu gestalten. Letzteres muss er, auch in der Musik, wieder in seinem eigenen Körper suchen und kreieren.

Darin war lange ein Geheimnis, weil wir in einem Epochen umfassenden Wandel des Kunstverständnisses dies anfangs als göttliche Inspiration, dann als menschliches Genie gedeutet haben.

Heute offenbart sich ein Teil dieses Geheimnisses des Künstlers in der Tatsache der Verbindung von emotionaler und analytischer Fähigkeit, von Kreativität als entspanntem flow zwischen den Gehirnhälften. Beides ist mehr als zwei einzelne zusammen.

Bei Musikern lässt sich im Gehirn feststellen, dass sie beides aktiv haben, wenn sie Spielen: die Sprachregion des Gehirns für die analytische Wahrnehmung ebenso wie die emotionale Region, die Amygdala.

Kunst ist, alle Sinne und Gedanken aufzurufen, um den komplexen Prozess des Lebens darzustellen. Das meint, unsere Existenz im Gefühl, Raum, Melodie und Emotion zu fassen – hier entstehen auch Krankheit und Gesundheit, Freude und Depression, Mut und Aktivität, klares Denken und Verantwortung. Große Kunst (komplex, differenziert, mit Wissenschaft betrieben) fasst das immer wieder zusammen, weil sie uns mit allen Facetten epochaler Menschenbilder mitten ins eigene Leben zurückversetzen kann – wenn wir ihr Raum geben.

Aber keine noch so schöne Kunstuniversität hilft, wenn wir in der alltäglichen Ausbildung unserer Kinder die einfache Tatsache vergessen, dass wir uns selber mit den Sinnen schaffen. Das darf in keinem Hort und keiner Schule zu kurz kommen. Wir vergessen sonst einfach unseren besten und am weitesten reichenden Teil der Erkenntnisfähigkeit.

Denn bei aller philosophischen Debatte um Subjekt und Objekt konstituiert sich doch unsere Person wie ihre Erfahrung der Welt durch Sinneseindrücke. Diese haben ihren physischen Ort in uns – so ist die Bedeutung von Ton und Rhythmus letztlich im limbischen System verankert – und selbst dessen Struktur und Ausbau hängen mit der Aktivität sinnlicher arbeit zusammen.

Der österreichische Wissenschaftler Niels Birbaumer in Tübingen und der Psychologe Thomas Elbert haben – wie auch amerikanische Forschergruppen – nachweisen können, und zwar durch Computertomographie – dass sich Hirnareale z.B. durch Musik besonders strukturieren. Hierzu ist auf die wegweisenden Arbeiten von Sandra Trehub (Toronto) zur Bedeutung der Mutterstimme und neuesten Untersuchungen der Magdeburger Neurobiologin Katharina Braun zur sozial-emotionale synaptische Strukturierung hinzuweisen.

Zudem ist durch die Langzeitstudie von Hans Günther Bastian bekannt, dass wir im Bildungsprozess eines jungen Menschen auch auf die soziale Leistungen musikalischer Arbeit in Betracht ziehen müssen und sogar eine allgemeine Intelligenzsteigerung zu berücksichtigen haben. Dies haben mit wesentlich einfacheren Anordnungen und Untersuchungen die amerikanischen Forscher Gordon Shaw und Frances Rauscher bestätigt, deren Intelligenztest mit Studierenden unter dem Eindruck von ca. zehn Minuten aus Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate für vier Hände in D-Dur (KV 448) signifikant bessere Ergebnisse aufwies als jene einer Kontrollgruppe.

Ein Begriff des Pariser Hals-Nasen Ohrenarztes, Alfred A. Tomatis, ist dafür weltberühmt geworden: der „Mozart-Effekt“. Aber die Forscher sind nicht stehen geblieben: Frances Rauscher legt inzwischen Ergebnisse zur molekularen Strukturierung durch die Musik Mozarts in Tierversuchen vor und die Japanische Forscher Denetsu Sooto und Kayo Akiyama haben unter einhundert Musikstücken ausrechnet aus Wolfgang Amadeus Mozarts Salzburger Divertimentos das Adagio (D-Dur, KV 205) im Tierversuch als zuverlässig blutdrucksenkend ausgemacht. Was heute noch spektakulär klingt, zeigt uns in Wahrheit die Spur in ein differenziertes wissenschaftliches Feld, das unsere menschliche Konstitution tiefer und dichter wahrzunehmen beginnt.

Als Universität steht den Hochschulen und Akademien der Künste daher ein qualitativer Sprung in eine andere Wissensvernetzung bevor, der heute noch wenig gesehen und vor allem praktiziert wird. Kunst war schon immer auf Wirkung bedacht und hat diese mit der ihr eigenen, historisch gewachsenen Sprache erreicht. In der Musik wie in der Bildenden Kunst oder auf der Bühne. Diese Wirkung, dieser bewusste Dialog zwischen Künstler und Publikum, wird selber Gegenstand künstlerischer Arbeit werden. In diesem Prozess werden die Wirkungsästhetik und die Musikpädagogik – oder besser Pädagogik der Künste, um Verwechslungen mit Schuldidaktik oder Instrumentaldidaktik zu vermeiden – die Leitwährungen.

Daher ist die Pädagogik der Kunst heute mehr denn je zu diskutieren, gerade aufgrund ihrer körperlich geistigen Implikationen einerseits für die persönliche menschliche Entfaltung, dann aus gleichen Gründen durch ihre globale und technische Produktion und Konsumierung andererseits.

Musikpädagogik ist aber nicht die Frage, wie ich einem gelangweilten Schüler von 16 Jahren an einem Dienstag in der sechsten Stunde die Kunst der Fuge beibringen kann.

Es ist eher die Frage, warum heute den 16 Jährigen diese Frage kaum mehr interessiert – was aber dafür. Und es ist die Frage, wie Ausbildungsstätten für Künstler und Kunstvermittler auf diese Tatsache und im differenzierten Bereich künstlerischer Kultur reagieren.

Musikpädagogik und künstlerische Bildung – oder anders: Kunstrezeption und Kunstwirkungsforschung am eigenen Objekt, dem Menschen und seinem Weltverhältnis - ist daher eine große Aufgabe der Zeit, die Kunst und Wissenschaft in ihren eigenen Sujets der Erkenntnisfähigkeit verbindet.

In dieser Debatte um die Kunst tauchen immer zwei Missverständnisse auf. Die Künstler wehren sich gegen die Verzweckung der Kunst. Kunst erläutere nicht. Das ist wahr - aber solche Argumente belegen bestenfalls den rudimentären Stand der ästhetischen Debatte an Kunsteinrichtungen: natürlich haben wir Kunst für sich als ein Form und Aussagensystem zu betrachten. In dieser Hinsicht ist Kunst epistemologischer Konstruktivismus.

Dann aber haben wir die kultursozilogische, kulturgeschichtlich oder kulturpsychologische Sicht auf die Kunst: warum und wie ist sie in einer Gesellschaft. Die Kunst muss heute über ihre eigene Erkenntnisfähigkeit reflektieren. Dort findet sich der Anschluss an die Wissenschaften und zwar im eigenen Haus: dem Körper.

Was aber gar nicht mehr geht ist: Augen zu und weitermachen! Das zeigen uns schon die Kunstmärkte der Orchester und der klassischen Musik, die Berufserfolge der Ausbildungen, die Entwicklungen kultureller Repräsentation.

In der Frage „Bildung durch Kunst“ ist von den Universitäten der Künste dringend Position zu beziehen. Es ist gerade der Mangel, dass der gesellschaftliche Wert der künstlerischen Bildung aus philosophischer Unklarheit der Künste überhaupt nicht mehr in der öffentlichen Debatte ist. Dadurch erscheint diese Seite menschlichen Seins und ihrer Erkenntnisfähigkeit wie ein Luxusartikel, den man in schlechten Seiten beiseite legen kann.

Dabei ist es gerade ihr kultureller Wert, den es neu zu entdecken gilt, insbesondere dann, wenn wir diesen in seinen prägenden Wurzeln in der Sozialisation ausmachen. Wir entdecken diesen Wert heute in einem sehr tiefen Bildungssinn: bis hinab in die Synapsen und Zellen bilden uns Menschen diese sinnlich-kognitiven Elemente aus Klang, Farbe, Bewegung, Raum und Körper, aus denen wir auch unsere Künste gestalten.

Letztlich wird hier auch der Boden für unser persönliches und gesellschaftliche Befinden und Handeln bereitet. Wir wissen dies aus schlechten historischen Erfahrungen vieler Gesellschaften – aber wir haben in unseren westlichen Gesellschaften noch keine Konsequenzen für die Erziehung und eine bewusste Erziehungskonzeption daraus gezogen.

Was läge näher, als alles, was uns hier berührt und als begeisternde Erfahrung fortschreitenden Weltwissens noch erinnerlich ist, aufzurufen, um sinnlich-soziale Milieus durch Künstler zu kreieren anstelle in abstrakt-objektiven Erwerbs-, Konstruktions- und Aufklärungsräumen Lebensbefriedigung zu suchen.

Wir sehen dieses Manko in jedem Land sofort: bei einer Krise im Bildungssystem (ich nenne PISA) muss notfalls der Mathematikunterricht erhöht werden, der Sprachunterricht verbessert und die Anschaffung mit Computern wird betrieben. Dass Kunst hier wenig genannt wird, verdankt sie aber dem Umstand, ihrem Objekt und Subjekt, dem Menschen, heute nicht auf dem Stand des Wissens und damit auch der ästhetischen Auseinandersetzung begegnen zu können.

Wo aber sollte dies sonst erschlossen und erforscht werden, wenn nicht an Musikuniversitäten – wozu brauchte man sie sonst, wenn sie sich nicht in der Breite und Tiefe mit der Frage der Kunst in der Gesellschaft auseinandersetzten? Sie müssen die Sinne bedenken und sich aufs Denken besinnen – das ist ihre Aufgabe. Das Bruckner Konservatorium ist nun zur Bruckner Universität geworden. Sie kommt nicht auf dem Weg einer staatlicher Beamtenuniversitäten daher und hat einen Rektor, der als Leiter von jeunesse musicale in Deutschland den Wert der pädagogischen und damit wissenschaftlichen Frage für eine Universität sicher einzuschätzen schätzen weiß.

Obwohl die musikalische Bildungslandschaft Österreichs mit der Neugründung jetzt dreier zusätzlicher Musikuniversitäten, veranlasst durch das Universitätsstudiengesetz, vermutlich nicht vernetzter und damit effektiver wird, sind so viele gesellschaftliche Fragen der künstlerischen Bildung offen und dringend zu diskutieren, dass man bildungspolitisch nur über jeden - und im Fall der Universität – jede froh sein kann, in der Lehrende mit wachem Geist ihr Sujet betrachten und sich den Herausforderungen stellen.

Es geht um Zukunftsfragen des Menschen und der Gesellschaft - und dies in einem Land, das mit seinen sieben bis neun Kunstuniversitäten hoffentlich nicht nur einen administrativen, sondern einen Bildungsschritt getan haben will.

Für diesen Schritt wünsche ich Ihnen alles Glück, Mut, den Schwung einer neuen Eroberung - allerdings auch den Blick aufs Ganze und auf die Aufgabenstellungen der Künste in der Gesellschaft heute.