Meine
sehr geehrten Damen und Herren, werte akademische Festversammlung!
Wir leben mit zwei irrigen Annahmen.
Die eine ist, dass uns die Wissenschaften die Wirklichkeit schlüssig
darstellen. Die andere ist, dass Künste mit der Wirklichkeit wenig
zu tun haben.
In Wirklichkeit verhält es sich so: Wissenschaften machen schlüssige
Annahmen und Künste reflektieren die Wirklichkeit der Rezeption.
Wir glauben weiterhin, dass Wissenschaft das reine Denken sei –
doch Gefühl und Einschätzung spielen eine bemerkenswerte Rolle
für die Theorie. Zum anderen meinen wir, dass die Kunst das Gefühl
besonders bevorzugt – doch die Kunst besteht unter anderem auch
darin, das einmal gefundene Gefühl bewahren und reproduzieren zu
können, damit also reflektiert umgehen zu können.
Eine Universität der Künste einzurichten, gibt vor, dass man
zum einen alle Künste in einer Einrichtung versammelt, zum zweiten,
dass man diese dort einer Untersuchung und Betrachtung unterzieht. Dies
soll geschehen, um Erkenntnisse über das Wesen der Künste zu
gewinnen und um die Künste lehrend weiterzugeben. Das österreichische
Universitätsgesetz 2002 spricht den Universitäten sogar die
Entwicklung der Künste zu. Immerhin: das heutige Wort Kunst kommt
nicht von Können, sondern von „kunnan“, was soviel wie
„geistig“ vermögen, wissen, Verstehen bedeutet hat.
Einst hießen sie die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik,
Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Heute finden wir sie als
Wissenschaften und Kunst wieder. Ist es noch immer möglich, von der
ärztlichen Kunst zu sprechen, so fiele das niemandem für Geometrie
oder Astronomie ein.
Hätte jemand je die Künste Wissenschaft genannt? Joseph Haydn
sprach so über das kompositorische Vermögen Wolfgang Amadeus
Mozarts in einem Brief an dessen Vater und auch Johann Sebastian Bach
nannte es Wissenschaft, wenn der das Komponieren meinte.
Wir wollen doch Kunst nicht wissen, sondern erleben! Es sei denn, wir
sind Wissenschaftler, die über die Entstehung eines Bildes oder einer
Sinfonie forschen. Und wir wollen die Wissenschaft nicht erleben, sondern
in Aussagen und Fakten vor uns haben.
Was bisher unterschiedlich, ja entgegengesetzt schien – die Wissenschaften
in den Universitäten und Forschungsgesellschaften, die Künste
in Akademien – wird das in den Universitäten der Künste
neu zusammengeführt.
Sollen wir uns künftig aufs Denken besinnen und die Sinne bedenken?
Wissenschaft und Kunst basieren auf zwei unterschiedlichen Lebenserfahrungen
des Menschen: zuerst, von Kind an, ist es die sinnliche Wahrheit des Lebens,
sind es die Gefühle, die sich in einem Raum aus Klang und Licht mit
Bewegung erschließen. Diese Wahrnehmung ist komplex und gesamt.
Dann kommt die Abstraktion, die alles in die Folgebeziehung einer Bilder
und Strukturwelt übernimmt.
Die Wahrheit unserer Erkenntniswelt besteht aus beidem. Wir trennen dies
oft im Alltag oder in der Wissenschaft, aber wir wissen aus vielen psychologischen
Untersuchungen, dass es kaum zu trennen ist. Spätestens im eigenen
Körper und dessen Reaktionen ist das Zusammenspiel evident, aber
es ist Wissenschaft vonnöten, um es analytisch oder emotional zu
analysieren und zu veranschaulichen.
Forscher haben sich auf den Weg gemacht, diese Konstitution des Menschen
zu entdecken: Biologen, Entwicklungspsychologen, Kognitionswissenschaftler,
Mediziner und Neurobiologen führen die Debatte. Sie erforschen die
Gefühle, die Konstrukteure unserer Konstitution.
Die Biologie reicht heute beschreibend auch in Bereiche der Kunst, wenn
sie über Wahrnehmungsprozesse spricht oder über Hirnpotentiale.
Wir dringen mehr und mehr in die Wirkungsweise unseres Denk- und Gefühlsapparates
der Synapsen ein und entdecken, wie hier die Wahrnehmung emotional-sozial-kongnitiv
in unserer eigenen Biologie aufgebaut ist. Es kann und wird eine neue
Wissenschaft von der Kunst entstehen, eine Erkenntniswissenschaft für
Sinne und Kognition, auch in der Musik und den Darstellenden Künste.
Wirkungs-Ästhetik ist dabei das Grubenlicht.
Einen Künstler, eine Künstlerin leiten Interesse und Emotion.
Das heißt Aufnahmebereitschaft für die sinnliche Erfahrung
der Welt. Während wir anderen uns allmählich mit der Schulzeit
von dieser Welt der sinnlichen Wahrheiten entfernen, die uns bis dahin
sehr geprägt hat, reaktiviert der Künstler in seinem Ausbildungsprozess
diese andere Wahrnehmung, die hochgradig Erkenntnis bringend war. Schließlich
haben wir alle so sprechen und verstehen gelernt. Er beginnt, wider an
die Wahrheit der Töne, der Farben, des Raums zu glauben. Seine Arbeit
besteht darin, diese zu aktivieren. Er öffnet sich für Erlebnisse,
die wir anderen schon lange unseren wichtigen Tagesgeschäften untergeordnet
haben.
Um aber hier alles aufzunehmen, braucht der Künstler zwei Wissenschaften.
Eine, um diese Dinge zu entdecken, eine andere, um sie für uns sichtbar
oder hörbar zu gestalten. Letzteres muss er, auch in der Musik, wieder
in seinem eigenen Körper suchen und kreieren.
Darin war lange ein Geheimnis, weil wir in einem Epochen umfassenden Wandel
des Kunstverständnisses dies anfangs als göttliche Inspiration,
dann als menschliches Genie gedeutet haben.
Heute offenbart sich ein Teil dieses Geheimnisses des Künstlers in
der Tatsache der Verbindung von emotionaler und analytischer Fähigkeit,
von Kreativität als entspanntem flow zwischen den Gehirnhälften.
Beides ist mehr als zwei einzelne zusammen.
Bei Musikern lässt sich im Gehirn feststellen, dass sie beides aktiv
haben, wenn sie Spielen: die Sprachregion des Gehirns für die analytische
Wahrnehmung ebenso wie die emotionale Region, die Amygdala.
Kunst ist, alle Sinne und Gedanken aufzurufen, um den komplexen Prozess
des Lebens darzustellen. Das meint, unsere Existenz im Gefühl, Raum,
Melodie und Emotion zu fassen – hier entstehen auch Krankheit und
Gesundheit, Freude und Depression, Mut und Aktivität, klares Denken
und Verantwortung. Große Kunst (komplex, differenziert, mit Wissenschaft
betrieben) fasst das immer wieder zusammen, weil sie uns mit allen Facetten
epochaler Menschenbilder mitten ins eigene Leben zurückversetzen
kann – wenn wir ihr Raum geben.
Aber keine noch so schöne Kunstuniversität hilft, wenn wir in
der alltäglichen Ausbildung unserer Kinder die einfache Tatsache
vergessen, dass wir uns selber mit den Sinnen schaffen. Das darf in keinem
Hort und keiner Schule zu kurz kommen. Wir vergessen sonst einfach unseren
besten und am weitesten reichenden Teil der Erkenntnisfähigkeit.
Denn bei aller philosophischen Debatte um Subjekt und Objekt konstituiert
sich doch unsere Person wie ihre Erfahrung der Welt durch Sinneseindrücke.
Diese haben ihren physischen Ort in uns – so ist die Bedeutung von
Ton und Rhythmus letztlich im limbischen System verankert – und
selbst dessen Struktur und Ausbau hängen mit der Aktivität sinnlicher
arbeit zusammen.
Der österreichische Wissenschaftler Niels Birbaumer in Tübingen
und der Psychologe Thomas Elbert haben – wie auch amerikanische
Forschergruppen – nachweisen können, und zwar durch Computertomographie
– dass sich Hirnareale z.B. durch Musik besonders strukturieren.
Hierzu ist auf die wegweisenden Arbeiten von Sandra Trehub (Toronto) zur
Bedeutung der Mutterstimme und neuesten Untersuchungen der Magdeburger
Neurobiologin Katharina Braun zur sozial-emotionale synaptische Strukturierung
hinzuweisen.
Zudem ist durch
die Langzeitstudie von Hans Günther Bastian bekannt, dass wir im
Bildungsprozess eines jungen Menschen auch auf die soziale Leistungen
musikalischer Arbeit in Betracht ziehen müssen und sogar eine allgemeine
Intelligenzsteigerung zu berücksichtigen haben. Dies haben mit wesentlich
einfacheren Anordnungen und Untersuchungen die amerikanischen Forscher
Gordon Shaw und Frances Rauscher bestätigt, deren Intelligenztest
mit Studierenden unter dem Eindruck von ca. zehn Minuten aus Wolfgang
Amadeus Mozarts Klaviersonate für vier Hände in D-Dur (KV 448)
signifikant bessere Ergebnisse aufwies als jene einer Kontrollgruppe.
Ein
Begriff des Pariser Hals-Nasen Ohrenarztes, Alfred A. Tomatis, ist dafür
weltberühmt geworden: der „Mozart-Effekt“. Aber die Forscher
sind nicht stehen geblieben: Frances Rauscher legt inzwischen Ergebnisse
zur molekularen Strukturierung durch die Musik Mozarts in Tierversuchen
vor und die Japanische Forscher Denetsu Sooto und Kayo Akiyama haben unter
einhundert Musikstücken ausrechnet aus Wolfgang Amadeus Mozarts Salzburger
Divertimentos das Adagio (D-Dur, KV 205) im Tierversuch als zuverlässig
blutdrucksenkend ausgemacht. Was heute noch spektakulär klingt, zeigt
uns in Wahrheit die Spur in ein differenziertes wissenschaftliches Feld,
das unsere menschliche Konstitution tiefer und dichter wahrzunehmen beginnt.
Als Universität steht den Hochschulen und Akademien der Künste
daher ein qualitativer Sprung in eine andere Wissensvernetzung bevor,
der heute noch wenig gesehen und vor allem praktiziert wird. Kunst war
schon immer auf Wirkung bedacht und hat diese mit der ihr eigenen, historisch
gewachsenen Sprache erreicht. In der Musik wie in der Bildenden Kunst
oder auf der Bühne. Diese Wirkung, dieser bewusste Dialog zwischen
Künstler und Publikum, wird selber Gegenstand künstlerischer
Arbeit werden. In diesem Prozess werden die Wirkungsästhetik und
die Musikpädagogik – oder besser Pädagogik der Künste,
um Verwechslungen mit Schuldidaktik oder Instrumentaldidaktik zu vermeiden
– die Leitwährungen.
Daher ist die Pädagogik der Kunst heute mehr denn je zu diskutieren,
gerade aufgrund ihrer körperlich geistigen Implikationen einerseits
für die persönliche menschliche Entfaltung, dann aus gleichen
Gründen durch ihre globale und technische Produktion und Konsumierung
andererseits.
Musikpädagogik ist aber nicht die Frage, wie ich einem gelangweilten
Schüler von 16 Jahren an einem Dienstag in der sechsten Stunde die
Kunst der Fuge beibringen kann.
Es ist eher die Frage, warum heute den 16 Jährigen diese Frage kaum
mehr interessiert – was aber dafür. Und es ist die Frage, wie
Ausbildungsstätten für Künstler und Kunstvermittler auf
diese Tatsache und im differenzierten Bereich künstlerischer Kultur
reagieren.
Musikpädagogik und künstlerische Bildung – oder anders:
Kunstrezeption und Kunstwirkungsforschung am eigenen Objekt, dem Menschen
und seinem Weltverhältnis - ist daher eine große Aufgabe der
Zeit, die Kunst und Wissenschaft in ihren eigenen Sujets der Erkenntnisfähigkeit
verbindet.
In dieser Debatte um die Kunst tauchen immer zwei Missverständnisse
auf. Die Künstler wehren sich gegen die Verzweckung der Kunst. Kunst
erläutere nicht. Das ist wahr - aber solche Argumente belegen bestenfalls
den rudimentären Stand der ästhetischen Debatte an Kunsteinrichtungen:
natürlich haben wir Kunst für sich als ein Form und Aussagensystem
zu betrachten. In dieser Hinsicht ist Kunst epistemologischer Konstruktivismus.
Dann aber haben wir die kultursozilogische, kulturgeschichtlich oder kulturpsychologische
Sicht auf die Kunst: warum und wie ist sie in einer Gesellschaft. Die
Kunst muss heute über ihre eigene Erkenntnisfähigkeit reflektieren.
Dort findet sich der Anschluss an die Wissenschaften und zwar im eigenen
Haus: dem Körper.
Was aber gar nicht mehr geht ist: Augen zu und weitermachen! Das zeigen
uns schon die Kunstmärkte der Orchester und der klassischen Musik,
die Berufserfolge der Ausbildungen, die Entwicklungen kultureller Repräsentation.
In der Frage „Bildung durch Kunst“ ist von den Universitäten
der Künste dringend Position zu beziehen. Es ist gerade der Mangel,
dass der gesellschaftliche Wert der künstlerischen Bildung aus philosophischer
Unklarheit der Künste überhaupt nicht mehr in der öffentlichen
Debatte ist. Dadurch erscheint diese Seite menschlichen Seins und ihrer
Erkenntnisfähigkeit wie ein Luxusartikel, den man in schlechten Seiten
beiseite legen kann.
Dabei
ist es gerade ihr kultureller Wert, den es neu zu entdecken gilt, insbesondere
dann, wenn wir diesen in seinen prägenden Wurzeln in der Sozialisation
ausmachen. Wir entdecken diesen Wert heute in einem sehr tiefen Bildungssinn:
bis hinab in die Synapsen und Zellen bilden uns Menschen diese sinnlich-kognitiven
Elemente aus Klang, Farbe, Bewegung, Raum und Körper, aus denen wir
auch unsere Künste gestalten.
Letztlich wird hier auch der Boden für unser persönliches und
gesellschaftliche Befinden und Handeln bereitet. Wir wissen dies aus schlechten
historischen Erfahrungen vieler Gesellschaften – aber wir haben
in unseren westlichen Gesellschaften noch keine Konsequenzen für
die Erziehung und eine bewusste Erziehungskonzeption daraus gezogen.
Was läge näher, als alles, was uns hier berührt und als
begeisternde Erfahrung fortschreitenden Weltwissens noch erinnerlich ist,
aufzurufen, um sinnlich-soziale Milieus durch Künstler zu kreieren
anstelle in abstrakt-objektiven Erwerbs-, Konstruktions- und Aufklärungsräumen
Lebensbefriedigung zu suchen.
Wir sehen dieses Manko in jedem Land sofort: bei einer Krise im Bildungssystem
(ich nenne PISA) muss notfalls der Mathematikunterricht erhöht werden,
der Sprachunterricht verbessert und die Anschaffung mit Computern wird
betrieben. Dass Kunst hier wenig genannt wird, verdankt sie aber dem Umstand,
ihrem Objekt und Subjekt, dem Menschen, heute nicht auf dem Stand des
Wissens und damit auch der ästhetischen Auseinandersetzung begegnen
zu können.
Wo aber sollte dies sonst erschlossen und erforscht werden, wenn nicht
an Musikuniversitäten – wozu brauchte man sie sonst, wenn sie
sich nicht in der Breite und Tiefe mit der Frage der Kunst in der Gesellschaft
auseinandersetzten? Sie müssen die Sinne bedenken und sich aufs Denken
besinnen – das ist ihre Aufgabe. Das Bruckner Konservatorium ist
nun zur Bruckner Universität geworden. Sie kommt nicht auf dem Weg
einer staatlicher Beamtenuniversitäten daher und hat einen Rektor,
der als Leiter von jeunesse musicale in Deutschland den Wert der pädagogischen
und damit wissenschaftlichen Frage für eine Universität sicher
einzuschätzen schätzen weiß.
Obwohl die musikalische Bildungslandschaft Österreichs mit der Neugründung
jetzt dreier zusätzlicher Musikuniversitäten, veranlasst durch
das Universitätsstudiengesetz, vermutlich nicht vernetzter und damit
effektiver wird, sind so viele gesellschaftliche Fragen der künstlerischen
Bildung offen und dringend zu diskutieren, dass man bildungspolitisch
nur über jeden - und im Fall der Universität – jede froh
sein kann, in der Lehrende mit wachem Geist ihr Sujet betrachten und sich
den Herausforderungen stellen.
Es geht um Zukunftsfragen des Menschen und der Gesellschaft - und dies
in einem Land, das mit seinen sieben bis neun Kunstuniversitäten
hoffentlich nicht nur einen administrativen, sondern einen Bildungsschritt
getan haben will.
Für diesen Schritt wünsche ich Ihnen alles Glück, Mut,
den Schwung einer neuen Eroberung - allerdings auch den Blick aufs Ganze
und auf die Aufgabenstellungen der Künste in der Gesellschaft heute.
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