| Verehrte
Festversammlung, Magnifizenzen, verehrte Vertreter und Vertreterinnen
öffentlicher Einrichtungen, verehrte Amtsinhaber der Universitäten,
verehrte Lehrende und Studierende, verehrte Künstlerinnen und Künstler,
sehr geehrte Damen und Herren –
In zwei Tagen wird die Bevölkerung in Oberösterreich darüber
abstimmen, ob in Linz ein neues Opernhaus gebaut werden soll oder nicht.
Es wird eine Volksbefragung sein, die darüber entscheidet: Welchen
Platz wird die Musik künftig in Linz haben? Wird sie überhaupt
einen bedeutenden Platz haben?
Im politischen Vorfeld dieser Entscheidung war auf Plakaten zu lesen:
Handwerker und Hausfrauen, Arbeiter und Rentner – sollen sie etwa
den „Luxus“ eines Opernhauses bezahlen? - Eine Aufforderung,
gegen das Vorhaben der Stadt zu stimmen. Wir werden sehen, wie das ausgeht.
Wir können nur hoffen.
Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis, das ich vor Jahren in Ulm
hatte. Es war mein zweites Engagement an einem Theater, nachdem ich am
Nationaltheater Mannheim das Kinder- und Jugendtheater aufgebaut hatte.
Im Ulmer Ensemble sang damals Koichi Maeda, ein Tenor aus Japan. Natürlich
fragte ich ihn: Können Sie mir über die japani¬sche Musik
erzählen? Der Sänger lächelte und antwortete: Tut mir leid,
davon weiß ich nichts. Wir haben zuhause nur Mozart, Beethoven und
Bach gehört.
Ja, so stark hat also die europäische Opernkultur auf die Weltkultur
gewirkt. Die Besucherströme aus allen Ländern, die zu den Salzburger
Festspielen kommen, bestätigen das immer wieder aufs Neue. Auch die
Tatsache, dass gut 60% der Studieren¬den des Mozarteums aus dem Ausland
kommen, ist ein Beweis dafür. Sie wollen sich hier in Salzburg zum
Beispiel zum Operntenor oder zur Sopranistin ausbilden lassen.
Es war hier in Salzburg, wie Sie wissen, dass in Europa diesseits der
Alpen erstmals eine Oper aufgeführt wurde, nämlich Monteverdis
Orfeo. Seit fast vierhundert Jahren ist die Oper aus Europa zu einer Kulturform
geworden, die ihre tiefe Wirkung auf die Kultur der ganzen Welt gehabt
hat und immer noch hat.
„Zukunft braucht Herkunft“ Dieser Satz stammt von dem Philosophen
Odo Marquart, den ich hier im Wiener Saal schon in meiner ersten Rede
zitiert habe. „Zukunft braucht Herkunft“ das bedeutet: Tradition
ist zum geistigen Überleben notwendig, aber gleich¬zeitig ist
Modernität gefragt. Heute geht es um die Verpflichtung, im Künstlertum
– heute heißt es oft Kreativität - wieder eine maßgebliche
und gestaltungsfähige Kraft unserer Gesellschaft zu erkennen.
Es wird ihnen vielleicht platt erscheinen, aber es ist ja leider wahr:
Niemand macht einen Aufstand, wenn es um die Anschaffung von Waffen und
militärischen Maschinen geht. Aber warum will eigentlich keiner wissen,
wie sehr unser Leben von geistiger und künstlerischer Arbeit abhängt.
Von der Arbeit der Architekten, der Maler, der Musiker und der Theaterleute.
Was wäre unsere Welt wohl ohne Mozart, Beethoven und Schu¬bert?
Diese Menschen haben seit ihrem Tod mehr Arbeitsplätze geschaffen
als irgend jemand sonst.
Ist es nicht an der Zeit zu begreifen: Künstlerische Kultur bedeutet
Leben. Und Investi¬tionen dafür können sich für die
ganze Gesellschaft vielfach amortisieren.
Ich habe mir für meine Rede heute zum Thema gesetzt: „Vom Glasperlenspiel
zur MUZAK.“
In Hesse‘s vielschichtigem Roman „Das Glasperlenspiel“
geht es auch um das Überleben der Kunst. Das Glasperlenspiel ist
ein Gleichnis für eine globale Kunst, die aber systemisch die Künste
mit allen Wissenschaften und Erfahrungen aus allen Kul¬turen zu verbinden
vermag. Es wird auf großen Festen unter Teilnahme der ganzen Bevölkerung
zelebriert. Die Meister des Spiels sind in der Provinz Kastalien beheima¬tet.
Hesse‘s Protagonist, der oberste Spielmeister Josef Knecht, dessen
Werdegang im Roman erzählt wird, befürchtet das Ende des Glasperlenspiels.
Die äußere Not des Staates würde zur Einstellung des Spiels
führen, im Land würde man sich allgemein fragen, wofür
diese hochausgebildeten Spezialisten eigentlich gut seien und ob das Spiel
nicht Luxus, ja Verschwendung in solchen Zeiten sei.
Hesse beschreibt in seinem Roman auch die Geschichte des Glasperlenspiels.
Es ent¬stand in einer Weltlage, die wir heute unschwer mit der geschichtlichen
Situation der Welt nach den beiden Weltkriegen identifizieren können.
Nach dieser Dämmerung des humanen Abendlandes versuchen die Künstler,
vor allem die Musiker, einen neuen Anfang mit einer Übung des Geistes,
die nicht nur die Wissensgebiete Europas, son¬dern schließlich
Kenntnisse und Künste aus der ganzen Welt verbindet. Das Spiel wird
in Köln entwickelt. Der geistige Ursprung liegt aber in der Musik
und ihrer Wirkung. Hesse beruft sich auf das harmonikale System von Pythagoras
und das China der „alten Könige“, wie er es nennt.
Hesse‘s Roman setzt nach Jahrzehnten, vielleicht nach Jahrhunderten
dieser Entwick¬lung ein. Inzwischen überwiegt in diesem Glasperlenspiel
eine Tendenz zur Kunstfer¬tigkeit, zur artistischen Virtuosität.
Die geistige Botschaft des Spiels selbst wird von vielen Spielern gering
geschätzt. Und es wird im Land kaum mehr verstanden. Vor allem nicht
mehr nachempfunden. Joseph Knecht, der magister ludi, spürt diesen
Verfall. Er verlässt die pädagogisch-künstlerische Provinz
Kastalien und sucht die Freiheit vor der erstarrten zeremoniellen Form.
Er will wieder ein einfacher Schulmeister werden, denn er weiß:
Nur wenn sich seine Kunst unmittelbaren Erfahrungen aussetzt, also dem
Leben selbst, nur dann können ihr Sinn und ihre Bedeutung überleben.
Wie die Abstimmung übermorgen in Linz ausgehen wird, weiß ich
nicht. Wir können nur wünschen, dass dieses „Glasperlenspiel“
gut ausgeht.
Wie erhalten wir die Wertschätzung der Künste für Jedermann
und treten Parolen gegenüber, die Vorurteile, Unkenntnis, Angst,
Neid, vor allem aber ein Gefühl der Ausgrenzung aufrufen? Haben wir
genug getan, um den Wert der Künste deutlich zu machen?
Hermann Hesse’s Roman „Das Glasperlenspiel“ ist eine
Parabel für ein Weltbild, in dem die Kunst Menschen und Sinngebung
zusammenbringt. Dieses Spiel zeigt für uns alle die Gesetze von Himmel
und Erde, wie beides zusammenhängt, wie wir darin leben und wie die
Ordnung gefunden werden kann. Die Kunst des Spiels ist die Erkenntnis
vom Leben. Aber um das zu können, braucht der Held von Hermann Hesse’s
Roman Josef Knecht eine lange Ausbildung als Spielmeister – das
heißt also als Künstler.
Künstler auszubilden ist die Aufgabe des Mozarteums. Dafür ist
dieses Haus in aller Welt berühmt geworden. Hier studieren künftige
Instrumental- und Gesangs-Solisten und -Solistinnen, Orchestermusiker,
Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Musik- und Kunst-Lehrerinnen
und Lehrer für die Schulen, für die Musikschulwerke und für
die früheste künstlerische Bildung unserer Kinder, wie es Carl
Orff initiiert hat.
Das Mozarteum hat eine einhundertsechzigjährige Geschichte in Salzburg,
die sich von Anfang an mit dem Bildungsinteresse seiner Bürger wie
mit dem Namen Mozarts ver¬band. Ob als Musikschule, Akademie, Hochschule
oder Universität – der Charme und die weltweite Berühmtheit
liegt am Salzburger Namenspatron, wie es Karl Wagner zurecht erwähnt.
Dies war immer ein Ansporn für alle Lehrenden, darunter die größten
Namen unserer Musikkultur, hier die beste Ausbildung für angehende
Künstler und Künstlerinnen, aber auch für die Kunstpädagogen
und Kunstpädagoginnen von Morgen zu geben.
Dies soll so bleiben und ist zugleich eine Herausforderung, die vor uns
liegt. Einer¬seits haben wir diese große Tradition, die wir
in bester Qualität weiter pflegen, auf der anderen Seite soll eine
Universität der Künste auch im Zentrum der geistigen und künstlerischen
Gegenwart stehen. Denn die Kunst hat sich gewaltig verändert. Wenn
John Cage über den Klang philosophiert und ihn aleatorisch erzeugte,
wenn Andy Warhol Konservendosen zu Kunstwerken erklärt und Bob Wilson
oder ein Tänzer wie Gerhard Bohner „knee plays“ zum abendfüllenden
Stück machten, dann kann eine der bedeutendsten Kunstschulen der
Welt an all den Fragen, die sich daraus ergeben nicht einfach vorbei gehen.
Nein, das Mozarteum muss kein „Glasperlenspiel“ erfinden,
aber es muss sich die Frage stellen, was ist im Lauf der Zeit anders geworden?
Vor allem müssen wir uns als Lehrer fragen: welche Antworten geben
wir, die wir die Künstler und Lehrenden von Morgen ausbilden?
Heute wird in der Kunst viel über Wirkungsästhetik diskutiert,
d.h. wie und wodurch wirken Musik und Kunst auf Hörer und Betrachter.
Diese Frage ist in den USA vor über 80 Jahren bereits gestellt worden.
In Folge hatte dort General George Squire das erste Patent auf elektronisch
übermittelte Musik bean¬tragt. Er bediente sich der Erkenntnis,
dass Musik positiv auf Arbeiter in der Fabrik wirkt. Sie besänftigt
die Gemüter, fand man heraus, macht gute Stimmung und steigert dadurch
sogar die Produktivität. So ging der Unternehmer Squire dazu über,
aus den Gefühlen, die Musik anspricht, direkt Geld zu machen. Er
gründete die Firma MUZAK und verkaufte über Standleitung diese
Musik. Heute hat die Firma zweitausend Ange¬stellte, 250 000 Musikabnehmer
und insgesamt achtzig Millionen Hörer auf der ganzen Welt.
Aus dieser Geschäftsidee ist aber inzwischen eine Kulturform geworden,
nämlich die Musikberieselung. Musik als Hintergrundgeräusch
in Fabriken, Kaufhäusern, Supermärkten, auf Flughäfen,
im Restaurant und in Arztpraxen, sogar auf privaten Parties.
Die Verwertung von Musik als Geräuschkulisse zeigt längst Wirkung
auf unser tägliches kulturelles Verhalten. Wir finden schon nichts
mehr dabei, wenn wir uns über viel zu hohe Lautstärke hinweg
anschreien müssen, um uns überhaupt einigermaßen unter¬halten
zu können. Hintergrundmusik hat einen, wenn auch fragwürdigen,
kulturellen Wert angenommen. Und Hintergrundmusik macht vor keinem Komponisten
und keiner Kultur Halt.
Ich erinnere mich, dass ich noch als Gymnasiast Robert Jungks Buch las
„Heller als tausend Sonnen“. Darin berichtete er von einem
Kuhstall einer Großfarm in den USA, der mit Musik berieselt worden
war. Bach und Mozart steigerten die Milchleistung ganz erheblich. Später
schrieb der Pop Musiker Brian Eno seine Musik for Airports. Musik sollte
die Flugangst nehmen.
Soviel Musik wie heute gab es nie. Doch es ist eine eindimensionale Musik.
Sie soll beruhigen oder Schwung geben, Gefühle erzeugen und dies
immer aus klaren Interes¬sen: mehr Kaufen, mehr Arbeiten, weniger
Probleme machen. Und das Radioprinzip – also der permanente Geräuschfluss,
wie er heute üblich ist – bietet die Möglichkeit, daraus
ein Kulturphänomen zu machen. Classic Radio Hamburg wie Radio Stephans¬dom
Wien sind Beispiele dafür, dass auch im Bereich der sog. ernsten
Musik Musikbe¬rieselung in unseren Wohnstuben angekommen ist.
Es geht auch hier, wie in Hesse’s „Glasperlenspiel“,
um die gesellschaftliche Funktion von Musik. Oder anders ausgedrückt,
um das Wissen, wie Musik auf Menschen wirkt und um die Erforschung, wo
und wie das nützlich sein könnte. Jeder von uns macht sich Sorgen,
dass die künstlerisch-kulturellen Potentiale nicht wie eine Kaufhausware
verschleudert oder nur verwertet werden – wie es die MUZAK weltweit
macht. Kunst im Schlussverkauf als Alltagsdroge. Ist es das Ende der Kunst?
Lange lebten die Künstler von den kulturellen Traditionen. Und die
wandelten sich bekanntlich ganz erheblich. Vom fürstlichen Haustheater
und bürgerlichen Straßentheater zum Theaterbau in der bürgerlichen
Gesellschaft, von der Musik in Speisesälen der Palais und in Kirchen
zu den Konzertsälen. All das hat Musikstile verändert. Es wurden
Orchester gebildet und Publikum geschaffen. Uns geht es mit Radio, digitalen
Tonträgern und Internet nicht anders. Aber was müssen die Konsequen¬zen
sein?
Nicht ängstlicher Rückzug auf alte Formen, auch nicht Ablehnung
der Wirkungsfor¬schung, nur weil die von Geschäftemachern missbraucht
wird. Nein, die Konsequenz kann nur sein: wir müssen uns mit anderen
wissenschaftlichen Feldern verbinden. Wir müssen das Wissen der Zeit
integrieren. Wir müssen Bewusstseinsarbeit leisten und damit kulturelle
Arbeit im besten Sinn des Wortes.
MUZAK verwertet Musik ausschließlich in einfacher Wirkung. Der Zweck
ist: Mehr Einkauf, höherer Umsatz oder schnelleres Arbeiten. Wir,
die Konsum- und Arbeitskühe sollen mehr Milch geben. - Stimmung,
Harmoniegefühl – Verhaltensfunktionen werden kalkuliert, um
uns zu beeinflussen. Die Droge kommt via Standleitung oder Satellit ins
Haus.
Aber, meine Damen und Herren, das ist die Wahrheit: die Marketingprofis
und Wer¬bepsychologen arbeiten intensiver mit der Wirkungsästhetik
als die hoch gebildeten Lehrer an den Kunstuniversitäten. Ist das
nicht eine traurige Tatsache? Ist es vielleicht die Windstille im Elfenbeinturm,
die daran Schuld ist? Die geschützte Situation des Lehr- und Lernverhältnisses?
Auch das Mozarteum als Ausbildungs- und Bildungsstätte steht zwischen
den Extre¬men Glasperlenspiel und MUZAK . Wir bilden Solisten für
das Konzertpodium oder den Orchestergraben aus und natürlich auch
Musiklehrer und –lehrerinnen. Aber sicher wird so mancher Absolvent
auch mit kommerziellen Einspielungen sein Geld verdienen müssen –
oder wollen.
Aber wenn das Wissen der Zeit an den Studenten und Studentinnen aus lauter
Eifer, das Handwerkliche der Künste gut zu lernen, gelegentlich vorüber
rauscht, dann darf das nicht bedeuten, dass der Pädagoge als vermittelnder
Künstler ebenfalls abseits neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse
stehen bleibt. Er ist wie kaum zuvor gefordert.
Was wirklich nottut ist: Wir müssen uns der physiologischen und psychologischen
Seite der Kunst, also der Erforschung des menschlichen Bewusstseins stellen.
Kunst ist nicht nur traditionelles Erbe. Sie muss vielmehr wieder ins
gesellschaftliche Leben eindrin¬gen im Sinn der Lehren des Glasperlenspiels.
Das heißt: als das geistige Medium, das uns fähig macht, die
Welt und uns selbst zu begreifen.
In den USA schreien Wirtschaft und Industrie nach der Kunst, weil sie
die Kreativität der Kunst dringend brauchen. Sie schreien nach dem,
was durch Kommerzialisierung und Konsumpropaganda so rar geworden zu sein
scheint: die eigenen Gestaltungskräfte des Menschen. Doch darf es
in der Debatte der Kreativität nicht um die Endausbeutung unserer
Lebensideen gehen. Es geht nicht um die Häppchen in Dosen, nicht
um die Nudeln aus dem Paket. Denn Kreativität braucht Bedingungen,
Bedingungen, wie das Leben selbst.
So kann es zum Beispiel ein Opernhaus, eine Theaterbühne sein, die
dann einer Stadt Begegnung mit anderen Lebensideen vermittelt –
und dies nicht nur über die Bühnenrampe. Oder wollen wir künftig
die Opernarie aus dem Werbespot einer Suppenfirma hören, die vielleicht
erfolgreich im Industriegebiet einer Stadt angesiedelt werden konnte?
Wir alle brauchen Erfahrungen mit unserem Bewusstsein - wollen wir wissen,
wer wir eigentlich sind.
Warum schlucken unsere Kinder Ecstasy und dröhnen sich mit Musik
zu? Weil sie meinen, so eine Bewusstseinserfahrung machen zu können.
Natürlich sind sie auf dem Weg der Selbstzerstörung, aber welche
anderen angemessenen Möglichkeiten der Bewusstseinserfahrung bietet
ihnen unsere Gesellschaft sonst an?
Wir sollten auch gemeinsam darüber nachdenken, welche Rolle das Mozarteum
in Zukunft spielen könnte, wenn wir über Musikpädagogik
reden. Die jungen Musiker und diejenigen, die Musik später lehren
wollen, müssen ja zunächst Erfahrungen mit sich selbst machen.
Sie üben, proben, denken nach: wo ist meine Zukunft.
Das bedeutet natürlich Stress. An unseren Universitäten muss
deshalb das Lernen gelehrt werden. Das ganz besonders für junge Künstler
und Künstlerinnen. Dazu müssen die Lehrer gute Psychologen sein,
um all diese psychischen Prozesse zu verste¬hen. Dieses Lernen lehren
und Lernen lernen gilt für beide: Für den Künstler als
Lehrer ebenso wie für den Schüler.
Musik und Kunst verändert den oder die, der oder die sie macht, und
bereit ist, sie in sich wirken zu lassen, denn Musik und Kunst sind die
Versenkung in das Geheimnis des Lebens. Da ist Bewusstseinsarbeit, also
die Erkenntnis von Bewusstsein gefragt.
Die Asiaten erkunden durch Meditation ihr Bewusstsein.
Wir Europäer haben dafür die Kunst.
Ebenso wie die Technik des Musizierens oder Malens gehören die geistigen
Fragen zum Lehren. Das hat, so denke ich, nicht zu tun mit alten romantischen
Vorstellungen, wie sie Hermann Hesse in seinem Glasperlenspiel in Frage
gestellt hat, sondern mit moder¬nen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die Gehirnforschung hat nämlich heraus¬gefunden: Das Musizieren
fördert differenzierte Gehirnstrukturen,
bringt die Intelligenz voran und fördert die Kreativität.
Alles Dinge, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Da sind uns –
ich muss es leider wieder feststellen – die Amerikaner weit voraus,
weil sie mit diesen Erkenntnissen viel pragmatischer umgehen als wir Europäer,
von denen diese Kultur eigentlich stammt.
Neurophysiologen in Genf beschäftigen sich seit ein paar Jahren mit
der Frage: Macht Mozart intelligent? Also: beeinflusst Mozarts Musik unser
Gehirn so positiv, dass man das auch messen kann. Aber in den USA traut
man sich, das sofort zu erproben. In großen schulischen Lernprogrammen
wird die differenzierte Wirkung von Musik ent¬wicklungspsychologisch
erprobt. Und – meine Damen und Herren – ja, es stimmt tatsächlich:
Mozart mach intelligent.
Ein Österreicher, der in Tübingen Professor für Neurophysiologie
ist, sagt: gebt jedem Kind ein Instrument in die Hand und die Intelligenz
wird bei allen messbar steigen.
In Graz gibt es einen Physiker, der untersucht, was kann man gegen Stress
im Arbeitsle¬ben tun? Er ist ein sogenannter Chronobiologe, das heißt,
er erforscht die Rhythmen des Körpers, also Wachen und Schlafen,
wann die Organe arbeiten oder z.B. den Rhythmus des Eiweiß- Stoffwechsels.
Der Forscher bei Graz erprobt gerade etwas, das uns hier wirklich brennend
interessie¬ren müsste. Nämlich: Wie Kunst physisch und psychisch
auf uns wirkt – im Spezialfall: wie Kunst in der Lage ist, Stress
abzubauen, d.h. Körperrhythmen in Einklang zu brin¬gen. In Graz
besteht die Testgruppe aus Bauarbeitern - eine Berufsgruppe, die besonders
unter Stress leidet.
Und wissen Sie, was dieser Chronobiologe die Bauarbeiter machen lässt?
Er lässt sie Gedichte deklamieren, und zwar betont rhythmisch „
Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon den Dolch im Gewande ..“
Meine Damen und Herren, Sie ahnen es: Es hilft tatsächlich. Jedem
Arbeiter klebt der Wissenschaftler zwei Elektroden auf die Brust und befestigt
am Gürtel ein Aufzeichnungsgerät. Es läuft 24 Stunden.
Die hirngesteuerten Körperfunktionen werden genauestens gemessen
und dokumentiert. Anhand dieser Aufzeichnung kann der For¬scher dann
feststellen, wann und in welcher Heftigkeit Stress aufgetreten ist und
wann und wie er durch die rhythmische Deklamation oder sogar durch eurythmische
Bewegungen wieder verschwunden ist.
Die Maschine unseres Bewusstseins ist das Gehirn. Und gerade die Künste
sind die wundervollen Arrangeure dieses Bewusstseins. Wie können
sie im Abseits bleiben in einer Zeit, in der die Bewusstseins- und Wahrnehmungsforschung
so rasant voran strebt?
Eine Universität der Künste muss sich den zeitgenössischen
Herausforderungen stellen und die neuen Ergebnisse der Wissenschaften
integrieren. Sicher, sie hat sich um die beste ästhetische Praxis
zu kümmern - aber nicht nur das. Sie muss ganz besonders Sorge dafür
tragen, dass das Wissen um das künstlerische Werk und seine Wirkung
auf uns, auf die Gesellschaft, auf unsere gesamte Kultur - in den Händen
der Kunst bleibt. Gerade mit der Kunst-Pädagogik hat sie besonders
die Aufgabe, das Wissen um die Kultur der Künste und vor allem den
Zugang zu ihnen in der Gesellschaft lebendig zu halten.
Oder wollen wir diesen Bereich Europas ganz fernöstlichen Traditionen
der Bewusst¬seinsbildung überlassen.
Das Mozarteum als Universität, für die ich in den nächsten
vier Jahren als gewählter Rektor Sorge trage, ist vom Kunstuniversitätenorganisationsgesetz
gut ausgestattet, um viele Kräfte an dieser Arbeit der Zukunft zu
beteiligen.
Ein paritätisches, demokratisches Gremium, das Universitätskollegium,
gestaltet die Entwicklung der Gesamtgeschicke maßgeblich mit. Eingesetzte
Arbeitsgruppen berei¬ten Entscheidungen vor.
Der Universitätsbeirat, dem Persönlichkeiten aus Kunst, Wirtschaft
und Öffentlichem Leben angehören, vermittelt zwischen Gesellschaft
und Universität.
Die Studiendekane, Prof. Horst Peter Hesse, Prof. Gottfried Holzer Graf
und Prof. Robert Pflanzl entwickeln, organisieren und evaluieren mit ihren
Vizedekanen und -Vizedekaninnen die Studien nach Studienplänen, die
demokratische Studienkommis¬sionen erarbeiten. Studiendekane sind
zugleich die Anwälte der Studierenden.
Vierzehn gewählte Institutsvorstände und entsprechende Institutskonferenzen
nehmen die wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten der Universität
partnerschaftlich in die Hand.
Die gewählten Vizerektoren, Prof. Paul Roczek, Prof. Kurt Huettinger
und Gertraud Steinkogler-Wurzinger, haben sich die Aufgaben Personalentwicklung,
Evaluierung, Erschließung der Künste und internationale Beziehungen
vorgenommen.
Drei Dienstleistungseinrichtungen, die Zentrale Verwaltung mit Universitätsdirektorin
Dr. Annemarie Lassacher, die Bibliothek mit Hofrat Dr. Rainer und die
Internationale Sommerakademie, die von Vizerektor Prof. Paul Roczek künstlerisch-pädagogisch
geleitet wird, bilden mit ca. 80 Mitarbeitern das organisatorische Rückrat
der Universität Mozarteum.
Nicht zuletzt ist die verfasste Hochschulschülerschaft, die ÖH,
ein kritischer wie kooperativer Partner in allen Gremien der Universität
und unerlässlicher Partner in vielen Studienfragen. Das Engagement
der Studenten dient nicht nur dem Interesse der Studierenden. Die ÖH
ist ebenso eine unerlässliche, gestaltende Kraft der ganzen Universitätsöffentlichkeit.
Das Mozarteum selber hat auf tragische Weise vor gut zwei Jahren seine
Heimat verlo¬ren. Jetzt schickt es sich an, dank der guten Ermutigung
durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur,
wie auch der Bundesgebäudeverwaltung hier in Salzburg, die Behelfsräume
über Lebensmittelgeschäften, Schuhläden und Banken an der
Peripherie der Stadt zu verlassen. Es will dorthin zurückzugehen,
wo es der Bürgersinn dieser Stadt gründete und pflegte: ins
Herz Salzburgs.
In Stuttgart sagte man: die Schwaben sparen so lange, bis es richtig teuer
wird. - Nach dieser alten, unseligen Baugeschichte für das Haus am
Mirabellplatz 1 und den Zuständen dort wird es nicht mehr bei nur
einem Gebäude für die Universität Mozar¬teum bleiben
können. Aber der Rückzug in das Gebäude Mirabellplatz 1
eröffnet auch eine gute Möglichkeit, aus der derzeit hässlichsten
Mauer von Salzburg an der Dreifal¬tigkeitsgasse, eine gute städtebauliche
Lösung zwischen drei wichtigen Verkehrs- und Kulturplätzen Salzburgs
zu erreichen: die Verbindung zwischen Mirabellplatz, Mira¬bellgarten
und Markartplatz.
Dass sich die Stadt wie das Land Salzburg helfend zum Mozarteum, ja zu
beiden Universitäten bekennen und damit der kulturellen Tatsache
Rechnung tragen, zweifache Universitätsstadt zu sein, das ist mein
Wunsch in dieser Entwicklung.
Meine Damen und Herren, blicken wir abschließend noch einmal auf
Herrmann Hesse’s Glasperlenspiel zurück.
Wir leben auf einem Kontinent, gerade in Österreich und Deutschland,
mit einer fast einmaligen Dichte von Kultureinrichtungen. Wir feiern das
Barock, die Romantik, die Moderne. Wir leben in einem Meer von Musik,
Literatur, Bühnenperformance und bil¬dender Kunst.
Doch mit dem Blick auf unsere Kontinentalgeschichte müssen wir uns
eingestehen: „Das 20 Jahrhundert war grauenhaft, eines der schrecklichsten
von allen“ – ich zitiere den Publizisten Klaus Podak –
„Kriege, Katastrophen, Barbarei – beispiellos, in noch nie
dagewesenen Ausmaßen. Noch niemals in der sogenannten Humangeschichte
wurden so viele Menschen mit technisch-bürokratisch-institutionalisierten
Methoden auf vernünftige, rational geplante, subtil durchdachte Weise
so bestialisch von Men¬schen gequält und ermordet. Wir nennen
uns heute die Wissensgesellschaft – aber die Szenarien für
die von uns verursachte Umweltentwicklung in den nächsten 100 Jahren
sind weniger als aussichtsreich für ein zumindest humanes Überleben.
Wie kommen wir dazu nach so viel künstlerischer Kulturentwicklung
hier mitten in Europa in den letzten zwei, fast drei Jahrhunderte?
Die Kunst war einmal aufgerufen zur Erkenntnis, Sublimierung und Verteidigung
des Humanen. Unsere historische Grundlage, die aufkommende Gesellschaft
Mitteleuropas im 18. Jahrhundert verwandte mehr als 100 Jahre darauf,
um mit allen Disziplinen der Kunst diesem neuen Menschen des gleichen
Naturrechts Klang, Phantasiebild, Gestalt und Gestus zu geben. Briefe
zur ästhetischen Erziehung des Menschen wurden stets und ständig
verfasst – von Schiller bis Joseph Beuys. Aber wie weit sind wir
damit gekommen?
Sagen wir es anders: wieviel wollte die Fortschrittsgesellschaft davon
wissen? Der Begriff „Fortschritt“ kam im frühen 19 Jahrhundert
auf. Fortgeschritten sind unsere Modelle und Einsichten in die Struktur
der Materie einschließlich unseres Körpers. Fortgeschritten
sind unsere technologischen Fähigkeiten.
Fortgeschritten sind unsere Möglichkeiten, Krankheiten zu heilen,
Hunger zu stillen, Organisation und Kommuni¬kation zu schaffen. Fortgeschritten
sind die Aktienkurse, die Weltmärkte, der Welthan¬del.
Ist aber auch unsere geistige Verantwortung fortgeschritten, ist zuvor
das Bewusstsein von uns selber fortgeschritten?
Stehen wir nicht vor der Einsicht – ich nenne nochmals Neurophysiologie,
Chronobio¬logie, Immunbiologie - wie eng Körper und Geist, Bewusstsein
und Materie in der „Bil¬dung“ des Menschen miteinander
verwoben sind. Mehr denn je ist Bewusstseinskultur zugunsten einer guten
Entwicklung gefordert.
Ich sage es ganz platt: wir brauchen dazu Musik und bildnerische Kunst
als zentrale Fächer in den Schulen, wir brauchen mehr Kreativität
und Gestaltung des Einzelnen im persönlichen und öffentlichen
Lebensraum.
Wir müssen hier wirklich unsere Kultur betrachten, die Form, in der
wir die Dinge betreiben. Wir brauchen mehr von der Kultur, die die Kräfte
des Bewusstseins und der Verantwortung pflegt und fördert.
Es ist vernebelnd und eigentlich lächerlich, wie sich heutzutage
in der Debatte die Begriffe Kunst und Kultur vermischen.
Die Künste konnten und können keine fatale Entscheidung der
Politik oder der Wirt¬schaft verhindern. Aber sie können immer
wieder die bewusstseinsfördernden, huma¬nen Kräfte des Lebens
aufspüren, reklamieren, hervorstellen. Sie können über
die Wir¬kung aufklären, sie überhaupt untersuchen.
Dies ist Bewusstseinsarbeit, die auf der ganzen Kulturgeschichte der Menschheit
fußt. Mit der Erkenntnislehre der Kunst ist das möglich. Wir
sollten sie als Instrument men¬taler und psychischer Wirkung betrachten.
In diesem Sinn vermittelt eine Universität der Künste Erkenntnis
von Wahrnehmung und von Bewusstsein – in den ihr eigenen, kulturell
gewachsenen Sprachen. Es sind dies die Sprachen der Künste.
Wir erfahren mehr und mehr von ihrer aufregenden Wirkung auf die physische
wie psychische Bildung des Menschen. Die Kunst muss sich heute mit den
Humanwissen¬schaften wieder verbinden – sie braucht nur ihre
eigene Geistesgeschichte zu bedenken. Besonders im Medienzeitalter mit
seiner nie dagewesenen Allgegenwart von Musik und Design, Darstellung
und Bild, müssen Menschen über die Sprache und Anwendung der
Künste, über Takt, Frequenz, Lautstärke, Proportion, Farbe,
Raumbewegung, Tempo aufgeklärt werden.
Es ist die zweite Aufklärung, the second age of enlightment. Diesmal
nicht über die Ideologie eines Weltbildes, wie im 18 Jahrhundert,
sondern über die Ideologie unseres Selbstbildes.
Glasperlenspiel oder MUZAK?
Kunst als Bewusstseinskultur - oder bloße Verwertung um des Profits
willen. Zwei globale Modelle stehen wie Szilla und Charypdis an unserem
Weg. Das Mozarteum - eine Gründung aus der bürgerlichen Bildungsidee
– wahrt die Tradition und kann sich zugleich der Aufgabe der Gegenwart
als Universität der Künste nicht versagen.
Es muss Antworten nicht nur suchen und geben - sondern es muss sie den
jungen Menschen, die aus aller Welt zu uns kommen, auch vorleben. Es ist
die europäische künstlerische Reflexion auf die Aufgaben der
Zeit.
Dazu sind wir alle hier.
In diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten Jahre, in denen ich
als Rektor in diesem Haus sein darf.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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