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Dr. Roland Haas

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Zwischen Glasperlenspiel und MUZAK
Zur aktuellen Herausforderung für die Universität der Künste
Rede zur Inauguration am 24.11.2000
Mozarteum Salzburg - Wiener Saa

   
     

Verehrte Festversammlung, Magnifizenzen, verehrte Vertreter und Vertreterinnen öffentlicher Einrichtungen, verehrte Amtsinhaber der Universitäten, verehrte Lehrende und Studierende, verehrte Künstlerinnen und Künstler, sehr geehrte Damen und Herren –

In zwei Tagen wird die Bevölkerung in Oberösterreich darüber abstimmen, ob in Linz ein neues Opernhaus gebaut werden soll oder nicht. Es wird eine Volksbefragung sein, die darüber entscheidet: Welchen Platz wird die Musik künftig in Linz haben? Wird sie überhaupt einen bedeutenden Platz haben?

Im politischen Vorfeld dieser Entscheidung war auf Plakaten zu lesen: Handwerker und Hausfrauen, Arbeiter und Rentner – sollen sie etwa den „Luxus“ eines Opernhauses bezahlen? - Eine Aufforderung, gegen das Vorhaben der Stadt zu stimmen. Wir werden sehen, wie das ausgeht. Wir können nur hoffen.

Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis, das ich vor Jahren in Ulm hatte. Es war mein zweites Engagement an einem Theater, nachdem ich am Nationaltheater Mannheim das Kinder- und Jugendtheater aufgebaut hatte. Im Ulmer Ensemble sang damals Koichi Maeda, ein Tenor aus Japan. Natürlich fragte ich ihn: Können Sie mir über die japani¬sche Musik erzählen? Der Sänger lächelte und antwortete: Tut mir leid, davon weiß ich nichts. Wir haben zuhause nur Mozart, Beethoven und Bach gehört.

Ja, so stark hat also die europäische Opernkultur auf die Weltkultur gewirkt. Die Besucherströme aus allen Ländern, die zu den Salzburger Festspielen kommen, bestätigen das immer wieder aufs Neue. Auch die Tatsache, dass gut 60% der Studieren¬den des Mozarteums aus dem Ausland kommen, ist ein Beweis dafür. Sie wollen sich hier in Salzburg zum Beispiel zum Operntenor oder zur Sopranistin ausbilden lassen.

Es war hier in Salzburg, wie Sie wissen, dass in Europa diesseits der Alpen erstmals eine Oper aufgeführt wurde, nämlich Monteverdis Orfeo. Seit fast vierhundert Jahren ist die Oper aus Europa zu einer Kulturform geworden, die ihre tiefe Wirkung auf die Kultur der ganzen Welt gehabt hat und immer noch hat.

„Zukunft braucht Herkunft“ Dieser Satz stammt von dem Philosophen Odo Marquart, den ich hier im Wiener Saal schon in meiner ersten Rede zitiert habe. „Zukunft braucht Herkunft“ das bedeutet: Tradition ist zum geistigen Überleben notwendig, aber gleich¬zeitig ist Modernität gefragt. Heute geht es um die Verpflichtung, im Künstlertum – heute heißt es oft Kreativität - wieder eine maßgebliche und gestaltungsfähige Kraft unserer Gesellschaft zu erkennen.

Es wird ihnen vielleicht platt erscheinen, aber es ist ja leider wahr: Niemand macht einen Aufstand, wenn es um die Anschaffung von Waffen und militärischen Maschinen geht. Aber warum will eigentlich keiner wissen, wie sehr unser Leben von geistiger und künstlerischer Arbeit abhängt. Von der Arbeit der Architekten, der Maler, der Musiker und der Theaterleute. Was wäre unsere Welt wohl ohne Mozart, Beethoven und Schu¬bert? Diese Menschen haben seit ihrem Tod mehr Arbeitsplätze geschaffen als irgend jemand sonst.

Ist es nicht an der Zeit zu begreifen: Künstlerische Kultur bedeutet Leben. Und Investi¬tionen dafür können sich für die ganze Gesellschaft vielfach amortisieren.

Ich habe mir für meine Rede heute zum Thema gesetzt: „Vom Glasperlenspiel zur MUZAK.“

In Hesse‘s vielschichtigem Roman „Das Glasperlenspiel“ geht es auch um das Überleben der Kunst. Das Glasperlenspiel ist ein Gleichnis für eine globale Kunst, die aber systemisch die Künste mit allen Wissenschaften und Erfahrungen aus allen Kul¬turen zu verbinden vermag. Es wird auf großen Festen unter Teilnahme der ganzen Bevölkerung zelebriert. Die Meister des Spiels sind in der Provinz Kastalien beheima¬tet. Hesse‘s Protagonist, der oberste Spielmeister Josef Knecht, dessen Werdegang im Roman erzählt wird, befürchtet das Ende des Glasperlenspiels.

Die äußere Not des Staates würde zur Einstellung des Spiels führen, im Land würde man sich allgemein fragen, wofür diese hochausgebildeten Spezialisten eigentlich gut seien und ob das Spiel nicht Luxus, ja Verschwendung in solchen Zeiten sei.

Hesse beschreibt in seinem Roman auch die Geschichte des Glasperlenspiels. Es ent¬stand in einer Weltlage, die wir heute unschwer mit der geschichtlichen Situation der Welt nach den beiden Weltkriegen identifizieren können. Nach dieser Dämmerung des humanen Abendlandes versuchen die Künstler, vor allem die Musiker, einen neuen Anfang mit einer Übung des Geistes, die nicht nur die Wissensgebiete Europas, son¬dern schließlich Kenntnisse und Künste aus der ganzen Welt verbindet. Das Spiel wird in Köln entwickelt. Der geistige Ursprung liegt aber in der Musik und ihrer Wirkung. Hesse beruft sich auf das harmonikale System von Pythagoras und das China der „alten Könige“, wie er es nennt.

Hesse‘s Roman setzt nach Jahrzehnten, vielleicht nach Jahrhunderten dieser Entwick¬lung ein. Inzwischen überwiegt in diesem Glasperlenspiel eine Tendenz zur Kunstfer¬tigkeit, zur artistischen Virtuosität. Die geistige Botschaft des Spiels selbst wird von vielen Spielern gering geschätzt. Und es wird im Land kaum mehr verstanden. Vor allem nicht mehr nachempfunden. Joseph Knecht, der magister ludi, spürt diesen Verfall. Er verlässt die pädagogisch-künstlerische Provinz Kastalien und sucht die Freiheit vor der erstarrten zeremoniellen Form. Er will wieder ein einfacher Schulmeister werden, denn er weiß: Nur wenn sich seine Kunst unmittelbaren Erfahrungen aussetzt, also dem Leben selbst, nur dann können ihr Sinn und ihre Bedeutung überleben.

Wie die Abstimmung übermorgen in Linz ausgehen wird, weiß ich nicht. Wir können nur wünschen, dass dieses „Glasperlenspiel“ gut ausgeht.

Wie erhalten wir die Wertschätzung der Künste für Jedermann und treten Parolen gegenüber, die Vorurteile, Unkenntnis, Angst, Neid, vor allem aber ein Gefühl der Ausgrenzung aufrufen? Haben wir genug getan, um den Wert der Künste deutlich zu machen?

Hermann Hesse’s Roman „Das Glasperlenspiel“ ist eine Parabel für ein Weltbild, in dem die Kunst Menschen und Sinngebung zusammenbringt. Dieses Spiel zeigt für uns alle die Gesetze von Himmel und Erde, wie beides zusammenhängt, wie wir darin leben und wie die Ordnung gefunden werden kann. Die Kunst des Spiels ist die Erkenntnis vom Leben. Aber um das zu können, braucht der Held von Hermann Hesse’s Roman Josef Knecht eine lange Ausbildung als Spielmeister – das heißt also als Künstler.

Künstler auszubilden ist die Aufgabe des Mozarteums. Dafür ist dieses Haus in aller Welt berühmt geworden. Hier studieren künftige Instrumental- und Gesangs-Solisten und -Solistinnen, Orchestermusiker, Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Musik- und Kunst-Lehrerinnen und Lehrer für die Schulen, für die Musikschulwerke und für die früheste künstlerische Bildung unserer Kinder, wie es Carl Orff initiiert hat.

Das Mozarteum hat eine einhundertsechzigjährige Geschichte in Salzburg, die sich von Anfang an mit dem Bildungsinteresse seiner Bürger wie mit dem Namen Mozarts ver¬band. Ob als Musikschule, Akademie, Hochschule oder Universität – der Charme und die weltweite Berühmtheit liegt am Salzburger Namenspatron, wie es Karl Wagner zurecht erwähnt. Dies war immer ein Ansporn für alle Lehrenden, darunter die größten Namen unserer Musikkultur, hier die beste Ausbildung für angehende Künstler und Künstlerinnen, aber auch für die Kunstpädagogen und Kunstpädagoginnen von Morgen zu geben.

Dies soll so bleiben und ist zugleich eine Herausforderung, die vor uns liegt. Einer¬seits haben wir diese große Tradition, die wir in bester Qualität weiter pflegen, auf der anderen Seite soll eine Universität der Künste auch im Zentrum der geistigen und künstlerischen Gegenwart stehen. Denn die Kunst hat sich gewaltig verändert. Wenn John Cage über den Klang philosophiert und ihn aleatorisch erzeugte, wenn Andy Warhol Konservendosen zu Kunstwerken erklärt und Bob Wilson oder ein Tänzer wie Gerhard Bohner „knee plays“ zum abendfüllenden Stück machten, dann kann eine der bedeutendsten Kunstschulen der Welt an all den Fragen, die sich daraus ergeben nicht einfach vorbei gehen.

Nein, das Mozarteum muss kein „Glasperlenspiel“ erfinden, aber es muss sich die Frage stellen, was ist im Lauf der Zeit anders geworden? Vor allem müssen wir uns als Lehrer fragen: welche Antworten geben wir, die wir die Künstler und Lehrenden von Morgen ausbilden?

Heute wird in der Kunst viel über Wirkungsästhetik diskutiert, d.h. wie und wodurch wirken Musik und Kunst auf Hörer und Betrachter.

Diese Frage ist in den USA vor über 80 Jahren bereits gestellt worden. In Folge hatte dort General George Squire das erste Patent auf elektronisch übermittelte Musik bean¬tragt. Er bediente sich der Erkenntnis, dass Musik positiv auf Arbeiter in der Fabrik wirkt. Sie besänftigt die Gemüter, fand man heraus, macht gute Stimmung und steigert dadurch sogar die Produktivität. So ging der Unternehmer Squire dazu über, aus den Gefühlen, die Musik anspricht, direkt Geld zu machen. Er gründete die Firma MUZAK und verkaufte über Standleitung diese Musik. Heute hat die Firma zweitausend Ange¬stellte, 250 000 Musikabnehmer und insgesamt achtzig Millionen Hörer auf der ganzen Welt.

Aus dieser Geschäftsidee ist aber inzwischen eine Kulturform geworden, nämlich die Musikberieselung. Musik als Hintergrundgeräusch in Fabriken, Kaufhäusern, Supermärkten, auf Flughäfen, im Restaurant und in Arztpraxen, sogar auf privaten Parties.

Die Verwertung von Musik als Geräuschkulisse zeigt längst Wirkung auf unser tägliches kulturelles Verhalten. Wir finden schon nichts mehr dabei, wenn wir uns über viel zu hohe Lautstärke hinweg anschreien müssen, um uns überhaupt einigermaßen unter¬halten zu können. Hintergrundmusik hat einen, wenn auch fragwürdigen, kulturellen Wert angenommen. Und Hintergrundmusik macht vor keinem Komponisten und keiner Kultur Halt.

Ich erinnere mich, dass ich noch als Gymnasiast Robert Jungks Buch las „Heller als tausend Sonnen“. Darin berichtete er von einem Kuhstall einer Großfarm in den USA, der mit Musik berieselt worden war. Bach und Mozart steigerten die Milchleistung ganz erheblich. Später schrieb der Pop Musiker Brian Eno seine Musik for Airports. Musik sollte die Flugangst nehmen.

Soviel Musik wie heute gab es nie. Doch es ist eine eindimensionale Musik. Sie soll beruhigen oder Schwung geben, Gefühle erzeugen und dies immer aus klaren Interes¬sen: mehr Kaufen, mehr Arbeiten, weniger Probleme machen. Und das Radioprinzip – also der permanente Geräuschfluss, wie er heute üblich ist – bietet die Möglichkeit, daraus ein Kulturphänomen zu machen. Classic Radio Hamburg wie Radio Stephans¬dom Wien sind Beispiele dafür, dass auch im Bereich der sog. ernsten Musik Musikbe¬rieselung in unseren Wohnstuben angekommen ist.

Es geht auch hier, wie in Hesse’s „Glasperlenspiel“, um die gesellschaftliche Funktion von Musik. Oder anders ausgedrückt, um das Wissen, wie Musik auf Menschen wirkt und um die Erforschung, wo und wie das nützlich sein könnte. Jeder von uns macht sich Sorgen, dass die künstlerisch-kulturellen Potentiale nicht wie eine Kaufhausware verschleudert oder nur verwertet werden – wie es die MUZAK weltweit macht. Kunst im Schlussverkauf als Alltagsdroge. Ist es das Ende der Kunst?

Lange lebten die Künstler von den kulturellen Traditionen. Und die wandelten sich bekanntlich ganz erheblich. Vom fürstlichen Haustheater und bürgerlichen Straßentheater zum Theaterbau in der bürgerlichen Gesellschaft, von der Musik in Speisesälen der Palais und in Kirchen zu den Konzertsälen. All das hat Musikstile verändert. Es wurden Orchester gebildet und Publikum geschaffen. Uns geht es mit Radio, digitalen Tonträgern und Internet nicht anders. Aber was müssen die Konsequen¬zen sein?

Nicht ängstlicher Rückzug auf alte Formen, auch nicht Ablehnung der Wirkungsfor¬schung, nur weil die von Geschäftemachern missbraucht wird. Nein, die Konsequenz kann nur sein: wir müssen uns mit anderen wissenschaftlichen Feldern verbinden. Wir müssen das Wissen der Zeit integrieren. Wir müssen Bewusstseinsarbeit leisten und damit kulturelle Arbeit im besten Sinn des Wortes.

MUZAK verwertet Musik ausschließlich in einfacher Wirkung. Der Zweck ist: Mehr Einkauf, höherer Umsatz oder schnelleres Arbeiten. Wir, die Konsum- und Arbeitskühe sollen mehr Milch geben. - Stimmung, Harmoniegefühl – Verhaltensfunktionen werden kalkuliert, um uns zu beeinflussen. Die Droge kommt via Standleitung oder Satellit ins Haus.

Aber, meine Damen und Herren, das ist die Wahrheit: die Marketingprofis und Wer¬bepsychologen arbeiten intensiver mit der Wirkungsästhetik als die hoch gebildeten Lehrer an den Kunstuniversitäten. Ist das nicht eine traurige Tatsache? Ist es vielleicht die Windstille im Elfenbeinturm, die daran Schuld ist? Die geschützte Situation des Lehr- und Lernverhältnisses?

Auch das Mozarteum als Ausbildungs- und Bildungsstätte steht zwischen den Extre¬men Glasperlenspiel und MUZAK . Wir bilden Solisten für das Konzertpodium oder den Orchestergraben aus und natürlich auch Musiklehrer und –lehrerinnen. Aber sicher wird so mancher Absolvent auch mit kommerziellen Einspielungen sein Geld verdienen müssen – oder wollen.

Aber wenn das Wissen der Zeit an den Studenten und Studentinnen aus lauter Eifer, das Handwerkliche der Künste gut zu lernen, gelegentlich vorüber rauscht, dann darf das nicht bedeuten, dass der Pädagoge als vermittelnder Künstler ebenfalls abseits neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen bleibt. Er ist wie kaum zuvor gefordert.

Was wirklich nottut ist: Wir müssen uns der physiologischen und psychologischen Seite der Kunst, also der Erforschung des menschlichen Bewusstseins stellen. Kunst ist nicht nur traditionelles Erbe. Sie muss vielmehr wieder ins gesellschaftliche Leben eindrin¬gen im Sinn der Lehren des Glasperlenspiels. Das heißt: als das geistige Medium, das uns fähig macht, die Welt und uns selbst zu begreifen.

In den USA schreien Wirtschaft und Industrie nach der Kunst, weil sie die Kreativität der Kunst dringend brauchen. Sie schreien nach dem, was durch Kommerzialisierung und Konsumpropaganda so rar geworden zu sein scheint: die eigenen Gestaltungskräfte des Menschen. Doch darf es in der Debatte der Kreativität nicht um die Endausbeutung unserer Lebensideen gehen. Es geht nicht um die Häppchen in Dosen, nicht um die Nudeln aus dem Paket. Denn Kreativität braucht Bedingungen, Bedingungen, wie das Leben selbst.

So kann es zum Beispiel ein Opernhaus, eine Theaterbühne sein, die dann einer Stadt Begegnung mit anderen Lebensideen vermittelt – und dies nicht nur über die Bühnenrampe. Oder wollen wir künftig die Opernarie aus dem Werbespot einer Suppenfirma hören, die vielleicht erfolgreich im Industriegebiet einer Stadt angesiedelt werden konnte?

Wir alle brauchen Erfahrungen mit unserem Bewusstsein - wollen wir wissen, wer wir eigentlich sind.
Warum schlucken unsere Kinder Ecstasy und dröhnen sich mit Musik zu? Weil sie meinen, so eine Bewusstseinserfahrung machen zu können. Natürlich sind sie auf dem Weg der Selbstzerstörung, aber welche anderen angemessenen Möglichkeiten der Bewusstseinserfahrung bietet ihnen unsere Gesellschaft sonst an?

Wir sollten auch gemeinsam darüber nachdenken, welche Rolle das Mozarteum in Zukunft spielen könnte, wenn wir über Musikpädagogik reden. Die jungen Musiker und diejenigen, die Musik später lehren wollen, müssen ja zunächst Erfahrungen mit sich selbst machen. Sie üben, proben, denken nach: wo ist meine Zukunft.

Das bedeutet natürlich Stress. An unseren Universitäten muss deshalb das Lernen gelehrt werden. Das ganz besonders für junge Künstler und Künstlerinnen. Dazu müssen die Lehrer gute Psychologen sein, um all diese psychischen Prozesse zu verste¬hen. Dieses Lernen lehren und Lernen lernen gilt für beide: Für den Künstler als Lehrer ebenso wie für den Schüler.

Musik und Kunst verändert den oder die, der oder die sie macht, und bereit ist, sie in sich wirken zu lassen, denn Musik und Kunst sind die Versenkung in das Geheimnis des Lebens. Da ist Bewusstseinsarbeit, also die Erkenntnis von Bewusstsein gefragt.

Die Asiaten erkunden durch Meditation ihr Bewusstsein.
Wir Europäer haben dafür die Kunst.

Ebenso wie die Technik des Musizierens oder Malens gehören die geistigen Fragen zum Lehren. Das hat, so denke ich, nicht zu tun mit alten romantischen Vorstellungen, wie sie Hermann Hesse in seinem Glasperlenspiel in Frage gestellt hat, sondern mit moder¬nen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Gehirnforschung hat nämlich heraus¬gefunden: Das Musizieren fördert differenzierte Gehirnstrukturen,
bringt die Intelligenz voran und fördert die Kreativität.

Alles Dinge, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Da sind uns – ich muss es leider wieder feststellen – die Amerikaner weit voraus, weil sie mit diesen Erkenntnissen viel pragmatischer umgehen als wir Europäer, von denen diese Kultur eigentlich stammt.

Neurophysiologen in Genf beschäftigen sich seit ein paar Jahren mit der Frage: Macht Mozart intelligent? Also: beeinflusst Mozarts Musik unser Gehirn so positiv, dass man das auch messen kann. Aber in den USA traut man sich, das sofort zu erproben. In großen schulischen Lernprogrammen wird die differenzierte Wirkung von Musik ent¬wicklungspsychologisch erprobt. Und – meine Damen und Herren – ja, es stimmt tatsächlich: Mozart mach intelligent.

Ein Österreicher, der in Tübingen Professor für Neurophysiologie ist, sagt: gebt jedem Kind ein Instrument in die Hand und die Intelligenz wird bei allen messbar steigen.

In Graz gibt es einen Physiker, der untersucht, was kann man gegen Stress im Arbeitsle¬ben tun? Er ist ein sogenannter Chronobiologe, das heißt, er erforscht die Rhythmen des Körpers, also Wachen und Schlafen, wann die Organe arbeiten oder z.B. den Rhythmus des Eiweiß- Stoffwechsels.

Der Forscher bei Graz erprobt gerade etwas, das uns hier wirklich brennend interessie¬ren müsste. Nämlich: Wie Kunst physisch und psychisch auf uns wirkt – im Spezialfall: wie Kunst in der Lage ist, Stress abzubauen, d.h. Körperrhythmen in Einklang zu brin¬gen. In Graz besteht die Testgruppe aus Bauarbeitern - eine Berufsgruppe, die besonders unter Stress leidet.

Und wissen Sie, was dieser Chronobiologe die Bauarbeiter machen lässt? Er lässt sie Gedichte deklamieren, und zwar betont rhythmisch „ Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon den Dolch im Gewande ..“

Meine Damen und Herren, Sie ahnen es: Es hilft tatsächlich. Jedem Arbeiter klebt der Wissenschaftler zwei Elektroden auf die Brust und befestigt am Gürtel ein Aufzeichnungsgerät. Es läuft 24 Stunden. Die hirngesteuerten Körperfunktionen werden genauestens gemessen und dokumentiert. Anhand dieser Aufzeichnung kann der For¬scher dann feststellen, wann und in welcher Heftigkeit Stress aufgetreten ist und wann und wie er durch die rhythmische Deklamation oder sogar durch eurythmische Bewegungen wieder verschwunden ist.

Die Maschine unseres Bewusstseins ist das Gehirn. Und gerade die Künste sind die wundervollen Arrangeure dieses Bewusstseins. Wie können sie im Abseits bleiben in einer Zeit, in der die Bewusstseins- und Wahrnehmungsforschung so rasant voran strebt?

Eine Universität der Künste muss sich den zeitgenössischen Herausforderungen stellen und die neuen Ergebnisse der Wissenschaften integrieren. Sicher, sie hat sich um die beste ästhetische Praxis zu kümmern - aber nicht nur das. Sie muss ganz besonders Sorge dafür tragen, dass das Wissen um das künstlerische Werk und seine Wirkung auf uns, auf die Gesellschaft, auf unsere gesamte Kultur - in den Händen der Kunst bleibt. Gerade mit der Kunst-Pädagogik hat sie besonders die Aufgabe, das Wissen um die Kultur der Künste und vor allem den Zugang zu ihnen in der Gesellschaft lebendig zu halten.

Oder wollen wir diesen Bereich Europas ganz fernöstlichen Traditionen der Bewusst¬seinsbildung überlassen.

Das Mozarteum als Universität, für die ich in den nächsten vier Jahren als gewählter Rektor Sorge trage, ist vom Kunstuniversitätenorganisationsgesetz gut ausgestattet, um viele Kräfte an dieser Arbeit der Zukunft zu beteiligen.

Ein paritätisches, demokratisches Gremium, das Universitätskollegium, gestaltet die Entwicklung der Gesamtgeschicke maßgeblich mit. Eingesetzte Arbeitsgruppen berei¬ten Entscheidungen vor.

Der Universitätsbeirat, dem Persönlichkeiten aus Kunst, Wirtschaft und Öffentlichem Leben angehören, vermittelt zwischen Gesellschaft und Universität.

Die Studiendekane, Prof. Horst Peter Hesse, Prof. Gottfried Holzer Graf und Prof. Robert Pflanzl entwickeln, organisieren und evaluieren mit ihren Vizedekanen und -Vizedekaninnen die Studien nach Studienplänen, die demokratische Studienkommis¬sionen erarbeiten. Studiendekane sind zugleich die Anwälte der Studierenden.

Vierzehn gewählte Institutsvorstände und entsprechende Institutskonferenzen nehmen die wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten der Universität partnerschaftlich in die Hand.

Die gewählten Vizerektoren, Prof. Paul Roczek, Prof. Kurt Huettinger und Gertraud Steinkogler-Wurzinger, haben sich die Aufgaben Personalentwicklung, Evaluierung, Erschließung der Künste und internationale Beziehungen vorgenommen.

Drei Dienstleistungseinrichtungen, die Zentrale Verwaltung mit Universitätsdirektorin Dr. Annemarie Lassacher, die Bibliothek mit Hofrat Dr. Rainer und die Internationale Sommerakademie, die von Vizerektor Prof. Paul Roczek künstlerisch-pädagogisch geleitet wird, bilden mit ca. 80 Mitarbeitern das organisatorische Rückrat der Universität Mozarteum.

Nicht zuletzt ist die verfasste Hochschulschülerschaft, die ÖH, ein kritischer wie kooperativer Partner in allen Gremien der Universität und unerlässlicher Partner in vielen Studienfragen. Das Engagement der Studenten dient nicht nur dem Interesse der Studierenden. Die ÖH ist ebenso eine unerlässliche, gestaltende Kraft der ganzen Universitätsöffentlichkeit.

Das Mozarteum selber hat auf tragische Weise vor gut zwei Jahren seine Heimat verlo¬ren. Jetzt schickt es sich an, dank der guten Ermutigung durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, wie auch der Bundesgebäudeverwaltung hier in Salzburg, die Behelfsräume über Lebensmittelgeschäften, Schuhläden und Banken an der Peripherie der Stadt zu verlassen. Es will dorthin zurückzugehen, wo es der Bürgersinn dieser Stadt gründete und pflegte: ins Herz Salzburgs.

In Stuttgart sagte man: die Schwaben sparen so lange, bis es richtig teuer wird. - Nach dieser alten, unseligen Baugeschichte für das Haus am Mirabellplatz 1 und den Zuständen dort wird es nicht mehr bei nur einem Gebäude für die Universität Mozar¬teum bleiben können. Aber der Rückzug in das Gebäude Mirabellplatz 1 eröffnet auch eine gute Möglichkeit, aus der derzeit hässlichsten Mauer von Salzburg an der Dreifal¬tigkeitsgasse, eine gute städtebauliche Lösung zwischen drei wichtigen Verkehrs- und Kulturplätzen Salzburgs zu erreichen: die Verbindung zwischen Mirabellplatz, Mira¬bellgarten und Markartplatz.

Dass sich die Stadt wie das Land Salzburg helfend zum Mozarteum, ja zu beiden Universitäten bekennen und damit der kulturellen Tatsache Rechnung tragen, zweifache Universitätsstadt zu sein, das ist mein Wunsch in dieser Entwicklung.

Meine Damen und Herren, blicken wir abschließend noch einmal auf Herrmann Hesse’s Glasperlenspiel zurück.
Wir leben auf einem Kontinent, gerade in Österreich und Deutschland, mit einer fast einmaligen Dichte von Kultureinrichtungen. Wir feiern das Barock, die Romantik, die Moderne. Wir leben in einem Meer von Musik, Literatur, Bühnenperformance und bil¬dender Kunst.

Doch mit dem Blick auf unsere Kontinentalgeschichte müssen wir uns eingestehen: „Das 20 Jahrhundert war grauenhaft, eines der schrecklichsten von allen“ – ich zitiere den Publizisten Klaus Podak – „Kriege, Katastrophen, Barbarei – beispiellos, in noch nie dagewesenen Ausmaßen. Noch niemals in der sogenannten Humangeschichte

wurden so viele Menschen mit technisch-bürokratisch-institutionalisierten Methoden auf vernünftige, rational geplante, subtil durchdachte Weise so bestialisch von Men¬schen gequält und ermordet. Wir nennen uns heute die Wissensgesellschaft – aber die Szenarien für die von uns verursachte Umweltentwicklung in den nächsten 100 Jahren sind weniger als aussichtsreich für ein zumindest humanes Überleben.

Wie kommen wir dazu nach so viel künstlerischer Kulturentwicklung hier mitten in Europa in den letzten zwei, fast drei Jahrhunderte?

Die Kunst war einmal aufgerufen zur Erkenntnis, Sublimierung und Verteidigung des Humanen. Unsere historische Grundlage, die aufkommende Gesellschaft Mitteleuropas im 18. Jahrhundert verwandte mehr als 100 Jahre darauf, um mit allen Disziplinen der Kunst diesem neuen Menschen des gleichen Naturrechts Klang, Phantasiebild, Gestalt und Gestus zu geben. Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen wurden stets und ständig verfasst – von Schiller bis Joseph Beuys. Aber wie weit sind wir damit gekommen?

Sagen wir es anders: wieviel wollte die Fortschrittsgesellschaft davon wissen? Der Begriff „Fortschritt“ kam im frühen 19 Jahrhundert auf. Fortgeschritten sind unsere Modelle und Einsichten in die Struktur der Materie einschließlich unseres Körpers. Fortgeschritten sind unsere technologischen Fähigkeiten.

Fortgeschritten sind unsere Möglichkeiten, Krankheiten zu heilen, Hunger zu stillen, Organisation und Kommuni¬kation zu schaffen. Fortgeschritten sind die Aktienkurse, die Weltmärkte, der Welthan¬del.
Ist aber auch unsere geistige Verantwortung fortgeschritten, ist zuvor das Bewusstsein von uns selber fortgeschritten?

Stehen wir nicht vor der Einsicht – ich nenne nochmals Neurophysiologie, Chronobio¬logie, Immunbiologie - wie eng Körper und Geist, Bewusstsein und Materie in der „Bil¬dung“ des Menschen miteinander verwoben sind. Mehr denn je ist Bewusstseinskultur zugunsten einer guten Entwicklung gefordert.

Ich sage es ganz platt: wir brauchen dazu Musik und bildnerische Kunst als zentrale Fächer in den Schulen, wir brauchen mehr Kreativität und Gestaltung des Einzelnen im persönlichen und öffentlichen Lebensraum.
Wir müssen hier wirklich unsere Kultur betrachten, die Form, in der wir die Dinge betreiben. Wir brauchen mehr von der Kultur, die die Kräfte des Bewusstseins und der Verantwortung pflegt und fördert.

Es ist vernebelnd und eigentlich lächerlich, wie sich heutzutage in der Debatte die Begriffe Kunst und Kultur vermischen.

Die Künste konnten und können keine fatale Entscheidung der Politik oder der Wirt¬schaft verhindern. Aber sie können immer wieder die bewusstseinsfördernden, huma¬nen Kräfte des Lebens aufspüren, reklamieren, hervorstellen. Sie können über die Wir¬kung aufklären, sie überhaupt untersuchen.

Dies ist Bewusstseinsarbeit, die auf der ganzen Kulturgeschichte der Menschheit fußt. Mit der Erkenntnislehre der Kunst ist das möglich. Wir sollten sie als Instrument men¬taler und psychischer Wirkung betrachten.

In diesem Sinn vermittelt eine Universität der Künste Erkenntnis von Wahrnehmung und von Bewusstsein – in den ihr eigenen, kulturell gewachsenen Sprachen. Es sind dies die Sprachen der Künste.

Wir erfahren mehr und mehr von ihrer aufregenden Wirkung auf die physische wie psychische Bildung des Menschen. Die Kunst muss sich heute mit den Humanwissen¬schaften wieder verbinden – sie braucht nur ihre eigene Geistesgeschichte zu bedenken. Besonders im Medienzeitalter mit seiner nie dagewesenen Allgegenwart von Musik und Design, Darstellung und Bild, müssen Menschen über die Sprache und Anwendung der Künste, über Takt, Frequenz, Lautstärke, Proportion, Farbe, Raumbewegung, Tempo aufgeklärt werden.

Es ist die zweite Aufklärung, the second age of enlightment. Diesmal nicht über die Ideologie eines Weltbildes, wie im 18 Jahrhundert, sondern über die Ideologie unseres Selbstbildes.

Glasperlenspiel oder MUZAK?

Kunst als Bewusstseinskultur - oder bloße Verwertung um des Profits willen. Zwei globale Modelle stehen wie Szilla und Charypdis an unserem Weg. Das Mozarteum - eine Gründung aus der bürgerlichen Bildungsidee – wahrt die Tradition und kann sich zugleich der Aufgabe der Gegenwart als Universität der Künste nicht versagen.

Es muss Antworten nicht nur suchen und geben - sondern es muss sie den jungen Menschen, die aus aller Welt zu uns kommen, auch vorleben. Es ist die europäische künstlerische Reflexion auf die Aufgaben der Zeit.
Dazu sind wir alle hier.

In diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten Jahre, in denen ich als Rektor in diesem Haus sein darf.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.