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Dr. Roland Haas

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Juli 2002

Kultur der Kunst - Musik als Bildung
Vortrag Kongreß Demokratie und Kunst, Berlin, Deutsche Gesellschaft für Ästhetik

   
     

Kultur der Kunst in der Moderne – Orte.
Die europäische Kunstentwicklung hat nicht nur dahin geführt, sinnliche Konzepte menschlicher Weltsicht in Musik, Malerei, Plastik und Darstellender Kunst zu entwickeln, sondern sie letztlich - und nach Ablösung von ehemaligen Funktionsräumen - an Orten zu präsentieren, die einzig dafür entstanden sind.

So kam es zu Theatern, Konzertsälen, Museen – wie wir vorgestern von Bundesminister Nida Rümelin hören konnten, sind z.B. fast die Hälfte aller Theaterbauten weltweit in den deutschsprachigen europäischen Ländern zu finden.

Häuser mit einer eigenen Funktion, aber auch eigenen Konvention der Rezeption – das galt nach der Form, aber auch nach dem Gehalt. Sie galten lange auch als Orte gesellschaftlichen Wertes und Repräsentanz.

Es sind oder waren Orte der Öffentlichkeit, in denen sich eine Gesellschaft im Spiel der Kräfte aus Publikum, Presse und letztlich auch Politik verständigte, welche künstlerischen Konzepte der Wirklichkeit als relevanter Beitrag in den gesellschaftlichen Diskurs aufgenommen wurden (und werden) und damit Themen dort und darüber hinaus relevant markieren.

So ist das System aus Theatern, Museen und Konzertsälen in Form repräsentativer gesellschaftlicher Zentralbauten gewachsen. Theater-, Museums- und Konzertskandale der Vergangenheit sind uns Zeugnisse, wie es mit den Theaterstücken eines Hauptmann oder Schnitzler, der Musik eines Anton Webern und den Bilder eines Schiele als Sichtweisen und Beiträge in diesen Pantheons gesellschaftlicher Selbstverständigung zuging.

Walter Benjamins frühe Beobachtung der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken konnte kaum in das wahrlich weite Feld einer Kunstentwicklung hineinsehen, das überhaupt die technische Produktion zur Grundlage machte und damit weitgehende Änderungen in der Kultur der Kunst auslöste.

Die Formen änderten sich – Darstellende Kunst fand sich auf dem screen und Fernsehbildschirm wieder, Musik auf Platten, CDs und im Rundfunk, die Malerei geriet auf Kunstdrucke und in Bildbände der Massenproduktion, zuletzt in virtuelle Galerien des Internet.

Die Gehalte änderten sich ebenso – Neue Erzählweisen entstanden und auch neue Bildsprachen, Musik konnte unter fast laborartigen Bedingungen im Studio zu einer unerhörten Perfektion aber auch neuem Klangerlebnis gebracht werden und zudem neue Tongebungsverfahren finden, die auch das „musizieren miteinander“ anders definieren; die Malerei wandte sich von der Konvention des Abbildes im Masse des Aufstiegs von Foto und Film ab, ebenso die Plastik.

Aber auch die Rezeption änderte und ändert sich: sie entbindet sich zunehmend von Ort und Zeit, wird globaler, vielfältiger, entbindet sich dabei aber auch von der gesellschaftlichen Konventionen eines Publikums, das als Mit-Spieler in den Häusern der Kultur – Theater, Konzerthaus und Museuum - die relevanten Themen solcher Weltsicht mitverhandelte.

Es ist als Käufer von CDs, Kinokarten, gezählter Museumsbesucher ein „Mitspieler der Füsse“ geworden, eine Markt- und Einschaltgrösse. Es hat sich geteilt und verteilt.

Das, was es zuvor an bestimmten Orten der Kunst sehen wollte und dort auch nur sehen konnte, ist heute vielfältig im Wohnzimmer, Bücherschrank, CD Player gleich und jederzeit erreichbar, konsumierbar.

Hier machen die Quantitäten der Produkte und ihr Preis auch die Qualität ihres Vorkommens in der Welt - denken wir beispielweise nur an den globalen Markt für klassische, westeuropäische Musikkonserven.

Der Zuschauer oder Zuhörer fällt heute in der Demokratie als Publikum - und nicht gering durch die Entwicklung der Kultur der Kunst in der Moderne bedingt - als soziale, politische Grösse aus dem Diskurs künstlerischer Weltsicht mehr oder weniger heraus und ist ebenso wenig in der Vielfalt der Formen und Gehalte des „verstehens“ künstlerischer Sprachen geübt oder gar kompetenter Dialogpartner und Mit-Spieler.

Bestenfalls als einzelner und Fachkundiger kommt er in Betracht – nicht aber als Publikum, wie wir es historisch kennen. Seine Rolle liegt vielmehr zwischen Verbraucher und Publikum, letzteres aber kaum mehr im Sinn gesellschaftlich konventionellen Mit-Spiels im Diskurs des Öffentlichen.

Aus dieser nur skizzenhaft aufgezeigten Entwicklung der Moderne wird deutlich, dass wir einen tiefgreifenden Wandel der Kultur der Kunst zu konstatieren haben.

Er geht - bezogen auf die Orte - vom repräsentativ Öffentlichen ins Feld privater Wahrnehmung und Geltung – teils durch die mediale Präsentation und Nutzung, teils durch Wandel von der Konvention des Publikums zum individuellen Konsum von Kunst.

So begegnen wir heute dem Individuum als der Stätte der Repräsentanz künstlerischer Empfindung. Der Körper mit der Vielfalt seiner Bildungsgeschichte ist selber im Verlauf der Moderne zum Ort der Kunst geworden.

Die Konvention des Privaten als ästhetische Grösse
Mit der Aufgabe der jahrhundertelang gültigen Konventionen des Abbilds in der Malerei, der gängigen Harmonien und Musikformen in der Musik, der Erzählformen der Einheit von Zeit und Raum sind für den Rezipienten aber auch den Produzenten von artefakten vor allem die subjektiven Auseinandersetzungen mit dem Überkommenen oder aber die subjektiven Bedeutungskonstrukte aus dem Erzählrahmen Kunst geblieben.

Das ist im Prinzip der status der Individuation, den die Moderne kennt und der auch in den Kommunikationswissenschaften – ich nenne Paul Watzlawick – für die Situation des Individuums konzidiert wird.

Wenn wir diese Situation der Idividuation und des Subjekts als Bühne – ich erinnere die Arbeiten von Martina Abramovic – und des kommunizierbaren Privatmythos als die bestmögliche Präsentation und Konvention des artefacts heute akzeptieren ( ich verweise auf die Materialien bei Joseph Beuys ) dann sind Herkünfte ästhetischen Kategorien neu ins Kalkül zu ziehen und die Konstitution künstlerischer und rezipierender Konvention gerade unter politischem Aspekt neu zu bedenken.

Kunst und Politische Gesellschaft
Von diesem Wandel ist auch der Stellenwert der Kunst in der öffentlichen Debatte der Demokratie stark betroffen. Es geht in der Kulturpolitik nicht mehr nur um eine Bereitstellungsdebatte – durch das Steuergeld aller, die eine Legitimationsdebatte sein kann.

Das war Thema der siebziger Jahre. Wenn es – wie dies Bundesminister Nida Rümelin zur Eröffnung des Kongresses meinte - um die Legitimation der Ausgaben der öffentlichen Hand in der Weise gehe, dass Kunst als Weltsicht überhaupt zu erhalten und damit zu fördern sei, indem man eben mit öffentlichem Geld Künstler und Werke fördert, dann stellt sich doch sehr die Frage, ob wir damit mehr eine Fertigkeit erhalten wie den mittelalterlichen Handwerker oder den Mantel des Kaisers, den wir auch mit öffentlichem Geld im Museum ausstellen, oder aber einen Beitrag zur Geltung von Kunst in der Gestaltung unsrer Gesellschafts- und Lebensverhältnisse, also auch zu unserer demokratischen Staatsform, dem Erwerbs- und Sozialleben, der Produktion von Lebensgütern oder auch der Natur- und Umweltfrage meinen.

Mein Eindruck ist, dass eben diese Frage, wie denn die Kunst als eine besondere Weltsicht eingreift in all jene Prozesse unseres Staats- und Gesellschaftswesen und warum sie eingreifen soll, in der Kulturpolitik wenig debattiert und schon gar nicht gelöst ist. Wir haben die Kunst als eine Grösse repräsentativer Öffentlichkeit übernommen. Das ist sie heute – bis auf wenige Ausnahmen abgesehen – nicht mehr.

Daher müsste im Blick sein, wie wir hier die Verständigung im Öffentlichen erreichen, denn das gälte als demokratischer Prozess.

Was hat hier die Kunst zu schaffen – was bedeutet sie in staatspolitischen und gesellschaftspolitischen Prozessen?

Das Individuum als Öffentlichkeit
Doch die größte Entpolitisierung der repräsentativen Orte künstlerischer Geltung schlägt heute im individuellen unversehens zur breitesten Wirkung künstlerischer Repräsentanz um.

Voraussetzung ist natürlich die in jeder Hinsicht omnipräsente Kultur der Medien und die wachsenden Einflüsse der Weltkultur auf jeweilige Kulturkreise. Die Medien sorgen durch die technische Reproduktion für grösstmögliche Verbreitung dieser „Bühne des Individuums“.

Das ist Realität, strukturell wie reell: die Shows des Privaten sind in den Massenmedien ebenso präsent wie in den weltweit erreichbaren private homepages. Dadurch kommunizieren sich auch ästhetische Kategorien.

Dies erreicht auch ästhetische Produktion selbst: wir kennen heute Internet Autoren, digitale Bearbeitungen im Format des PC screens aber auch Bands, deren Zusammenspiel eine Schaltungen zwischen entfernten Orten ist.
Die Idee des repräsentativen Raumes für Kunst, deren ästhetische Kriterien vom Publikum konventionell überwiegend akzeptiert wurden, transformiert sich in der Moderne mit zunehmender Aufgabe der Konvention und mit Individualisierung der Mittel und Botschaft.

Es definiert sich repräsentativ der Vorgang individueller Rezeption, resp. des Dialogs zwischen dem Künstler und dem Betrachter, dem Hörer. So konstituiert sich als Raum allgemeiner Geltung der Rezipient in Körper, Gefühlt und Verstand selber. Darüber hinaus schaffen die „Auftritte“ der Subjekte in den für alle verfügbaren Medien Öffentlichkeit.

Die Bühnen von heute sind neben Kino und Fernsehen vor allem das Telefon (besonders: Handy), Fax, Email und das Internet. Überall dort setzt sich die öffentliche Geltung des Privaten durch. Die Vervielfältigung des „Auftritts“ des Einzelnen im elektronischen Raum der Medien bringt dem Subjekt repräsentative Geltung.

Das Subjektive wird zum gültigen Ort und dem richtigen Raum der Kunst.

Neue Entwicklung in der anthropologischen Biologie geben uns gute Anhaltspunkte, den heute verbindlichen Raum der Kunst, nämlich die Subjektivität des Individuums, weiter aufzuschlüsseln.

Er läßt sich nicht mehr nur als erfahrungsgeprägter Raum definieren, dessen Gestaltungskriterien uns die Psychologien von Freud, Jungk ,Adler genannt haben.

Er läßt sich vielmehr als entstehender Raum definieren, wie uns heute die Entwicklungspsychologie, die Bewußtseinsforschung, generell die neuropsychologischen Wissenschaften berichten. Damit differenziert sich das Bild des individuellen Subjekts in die Konstruktion des Körpers, das Gedächtnis des Ichs und die kognitiven, mentalen und emotionalen Wechselwirkungen seiner Existenz.

Wir stehen heute vor einem analytischen Apparat der biologischen Wissenschaften, der für das Verständnis der künstlerischen Prozesse in Produktion wie Rezeption nicht ohne Folgen bleibt. Wirkung der Kunst, die Eindrücke über Sehen, Hören, Raumempfinden können nun in den Körper hinein verfolgt werden.

Doch gleichzeitig läßt sich mit Blick auf die allgemein individuelle Interpretation des Kunsteindrucks eine zweite Ebene ins Kalkül ziehen. Wenn die Konventionen eines Kulturkreises nicht mehr die natürliche Grenze der ästhetischen Rezeption darstellen, werden die künstlerischen Botschaften entweder Universalien der Kulturen suchen und penetrieren - solche Aufbrüche gab es auch jenseits von Hollywood, wenn wir an die Suche und Sammlung von Universalien des Gestus auf den Bühnen der Welt, der Klänge oder Rhythmen der Welt in immer neuen fusion Projekten oder des Erzählgestus der Bühne wie bei Peter Brook denken - oder aber werden sich auch auf Wirkungen verlassen, die anthropologisch allgemein gegeben sind.

So können wir beispielsweise Musik – kulturell betrachtet – auch beschreiben als eine spezielles „Spiel“ zur Stimulation der Psyche – und nicht nur dieser, wie noch zu zeigen sein wird – eine Stimulation, die für jeden menschlichen Körper weltweit gilt und in jedem nachgewiesen werden kann.

Individualität und anthropologische Konstanten – Biologie der Rezeption
Zwar ist jede Biographie eines Menschen besonders und strukturiert durch Veranlagung, Kulturkreis, Bildung und sozialen Rahmen, wie Intention. Doch teilt sie aufgrund der biologischen Gegebenheit mit jedem anderen Individuum der Welt auch grundlegende Disposition wir jene der neuronalen Zellenverbände, Hirnfrequenzen und die Zellchemie. Was uns z.B. als Kunst in Farbe, Form, Klang, Raum begegnet, was uns berührt, was auf uns wirkt, das nimmt den Weg über die Sinnesorgane des Menschen und die neuronale Steuerungsstelle des Gehirns.

Wirkung von Kunst ist also auch die Wirkung auf diesen Teil unseres Körpers. Dieser Teil ist aber zentral in der Konstitution des Bewusstseins unserer personalen Identität.

Jedes gesehene Bild, jede Farbe, jeder gehörte Klang, jeder erspürte Raum wird hier „wahrgenommen“, gespeichert und in Empfinden umgesetzt.

Wenn wir heute, nach der Dekade der Gehirnforschung und mit den Einsichten in die Hormonsteuerung und Neuroimmunbiologie über die Wirkung und Geltung der Kunst für den Menschen sprechen, so können wir deren neuronale Präsenz, die neuronalen Reflexe, die psycho-somatische Folgen nicht unbedacht lassen. Jeder Reiz durch Kunst nimmt diesen Weg zu dem, was sich als ICH empfindet.

Phylogenetisch müssen wir dabei konzidieren, dass dieses System unseres Bewusstseins eng verbunden ist mit der Erfahrungskonstitution des limbischen Systems im Gehirn des Menschen. Es ist das Unbewusste, von den Basalganglien, dem corpus striatum, globus pallidus, substantia nigra oder nucleus subthalamicus gesteuert.

Psychologische Forschungen bestätigen heute: bevor wir eine willentliche Position einnehmen, eine Entscheidung der Zustimmung oder Ablehnung fällen, hat das limbische System bereits untersucht und entschieden. Von dort kommt die Grundlage für die Aktivität der Grosshirnrinde, des präfrontalen Cortex, in der wir Nachdenken, Phantasie entwickeln, Sprache formen, Moral- und Wertvorstellungen entwickeln und die Steuerleute unseres Handelns zu sein glauben.

Prägend ist aber das emotionale Gedächtnis, das unser limbisches System früh aufbaut. Die noch vorsprachlichen, vorbewussten Eindrücke der Sinne, die Handlungserfahrungen, seit dem Mutterleib gesammelt, körperliches und emotionales Bewusstsein, diese werden zur Grundlage unserer weiteren Bildungs- und Handlungszugänglichkeit.

Darunter auch Farbe und Klang, buchstäblich vor allem aber das Hören. Hier werden schon z. B. schon durch die Tonwahrnehmung im pränatalen Zustand, durch die damit verbundenen körperlichen Reaktionen – es sind ja zwei Körper – bis hin zur hormonellen Ausschüttung Erfahrungen gemacht und gesammelt. Das müssen wir uns nicht abstrakt, sondern konkret als die Reaktion von Gehirnzellen, Botenstoffen und Hormonen und entsprechenden Reaktionen des Körpers vorstellen.

Dieses unbewusste Bewusstsein der Emotionen , eingelassen durch die Sinne, körperlich erfahren, ist das, womit die Künste primär arbeiten. Sie sprechen durch Farben und Formen, durch Körperlichkeit zu uns, auch durch Klänge, Melodien und Rhythmen.

Für jede Kultur, jedes Individuum sind sie zwar kontextuell und vielfältig zu differenzieren, doch physiologisch haben wir es mit ähnlichen Wirkungsmechanismen zu tun, jenen, die über die Sinne in unser limbisches System gehen.

Wenn wir also das Individuelle heute als die Bühne der Kunst verstehen, in der suprakulturelle Botschaften aufgenommen werden und uns auch multinormativ zu Artefakten unterschiedlichster Kulturkreise verhalten können, dann ist von Interesse, die Universalien der Rezeption wahrzunehmen.

Ich will damit nicht behaupten, dass die neurobiologischen die einzigen sind, aber doch wesentlich neben jenen des kulturellen Lernens und der sozialen Disposition.


Bildung von Physis und Psyche beim Kind
Das Wissen um die kindliche Entwicklung und um die Biologie des Menschen ist gewachsen: Neurobiologie, Immunbiologie, Chronobiologie, Emotionsforschung: sie alle geben uns neue und stetig mehr Hinweise, wie Musik und Bildung des Menschen zusammenhängen.

Man könnte hier eigentlich von „Tönung“ statt von der Bildung sprechen – doch in Bezug auf Zellen, Synapsen, Botenstoffe und die körperliche Seite ist das Wort Bildung im Sinne körperlich-geistiger Ausprägung ganz angebracht.

Die Wirkung von Musik auf das Zentralnervensystem und das Vegetativum wurde bereits in den sechziger Jahren in einer von Herbert von Karajan angeregten Forschungsgruppe ( Gerhart Harrer, Wilhelm Josef Revers, Walther C. M. Simon an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg und Helmuth Petsche in Wien) untersucht.

Sowohl in diesen als auch in anderen weltweit publizierten Forschungsarbeiten wurden die Einflüsse der Musik auf Emotionen nachgewiesen.

Während die Funktionen des Gehörsinnes relativ weitgehend erforscht sind, sind die Kenntnisse über das System aus Vestibularapparat und den in der Körperperipherie gelegenen Propriozeptoren kaum vorhanden. Dieses System steuert jedoch neben Körperlage und Gleichgewicht auch die Koordination der gesamten Motorik. Dass es von Musik wesentlich beeinflusst wird, zeigen die körperlichen Reaktionen wie zur Musik tanzen, wippen, auch Muskelkontraktionen etc.

Wenn wir im Bewusstsein haben, dass sich das noch ungeborene Kind in seiner Gehörentwicklung ab dem vierten Schwangerschaftsmonat raumakustisch zu orientieren beginnt und bedenken, dass wir ohnedies ein sehr differenziertes auditorisches Wahrnehmungsvermögen haben, dann lässt sich leicht sehen, dass unsere Geräusch- und Tonwahrnehmung die allergrösste existentielle Bedeutung für uns hat.

Dies lässt sich bis in die Körperorganisation hineinverfolgen. Es bedeutet, dass unsere Persönlichkeit von ihrer identischen Klangwelt her lebt, ja sogar konditioniert ist.


Das System der Informationsspeicherung
Insgesamt schätzt man, dass ca. 100 Milliarden Neuronen des Gehirns mit über 100 Trillionen Verbindungen Kontakt halten. Erinnerungen werden von Neuronengruppen gebildet. Jede Verbindung davon hat das Potential, Teil einer Erinnerung eines Menschen zu sein.

Es scheint vor allem bei der Aktivierung darauf anzukommen, ruhende Neuronen-Netze im Gehirn durch eine passende Stimulation zu aktivieren. Der Speicherschlüssel scheint emotional und körperlich zu sein.

Offenbar kann das Musik in vielen Fällen und offenbar ist sie die ultimative Kulturleistung, die es bis zuletzt im menschlichen Leben vermag. Vermutlich, weil sie so eng oder tief mit wesentlichen Qualitäten unseres Seins verbunden ist: vom Herzrhythmus bis zur Raumorientierung, vom Bewegungsapparat bis zur emotionalen Struktur.

Dies Bild können wir komplettieren, wenn wir z.B. die Wirkung des Rhythmus auf das Gehirn und vor allem dessen Verbindung mit dem motorischen System des Körpers betrachten.

Das Gehirn, so hat es Michael Thaut am Zentrum für biomedizinische Musikforschung der Colorado State University, Fort Collins, herausgefunden, ist extrem schnell in der Lage, einen von aussen vorgegebenen Rhythmus zu adaptieren und in Bewegung umzusetzen. Das gilt für den gesunden Menschen.

Bei kranken Menschen wie Schlaganfall Patienten, Parkinson-Patienten, Alzheimer Patienten, brachte Musik entsprechender Qualität zustande, das bewegungsunfähige Menschen wieder laufen konnten, Gelähmte Klavier spielten oder Erinnerungslose mit einem Musikstück längst verloren geglaubte Ereignisse ihres Lebens wieder wussten, andere sprachen nicht mehr, begannen aber, zu singen.

Die Untersuchungen des Tübinger Neurologe Niels Birbaumer vertiefen noch den Einblick in die Zusammenhänge. Die Produktion und Beschäftigung mit Musik – so fand er heraus - hat einen dauerhaften Einfluss auf anatomische und physiologische Strukturen des Gehirns.
Das gilt zumindest für jene Personen, die sich mit klassischer Musik beschäftigen oder aber Musik produzieren.

So zeigt sich bei Darbietung von komplexer artifizieller Musik, die von einem Computer nach Gleichungen des deterministischen Chaos erzeugt wurde, im Vergleich zu einfacher, repetitiver Pop Rhythmik, dass die Gehirnströme in Resonanz zu der dargebotenen Musik ebenso komplexe oder repetitive Muster im EEG bilden.

Bei Musikern, die klassische Musik spielen, fand man gegenüber Kontrollpersonen eine deutlich anatomisch ausgedehnte Korrelation des EEGs zwischen verschiedenen Hirnarealen in beiden Hemissphären: sehr viel mehr Areale müssen zusammenarbeiten, um produktive Leistungen zu erbringen...

Bei Musikern mit absolutem Gehör ist das planum Temporale vergrössert, bei Geigern sind die Areale der Hand im Kortex deutlich vergrössert.

Wie bedeutend die auditorische Wahrnehmung ist, zeigen auch die Untersuchungen der Psychologin Jenny Saffran von der Universität in Madison, Wisconsin. Sie entdeckte, dass soeben geborene Kinder über das absolute Gehör verfügen. Das hält bis zu einem Jahr nach der Geburt an und verflüchtigt sich dann wieder.

Alexandra Lamont von der Universität in Leicester fand heraus, dass Kleinkinder in der Lage sind, verschiedenste Musikstücke, die sie als Embryos gehört haben, auch noch ein Jahr nach der Geburt eindeutig wieder erkennen, ohne sie zwischenzeitlich gehört zu haben.


Kultur der Musik
Musik sehen wir als Kunst, die in der Entstehung und Wirkung eigenen Dimensionen folgen kann. Aber sie ist zugleich Teil unserer Kultur, entstanden, entwickelt, Teil unseres Wesens. Sie basiert auf dem menschlichen auditiven System unserer Erfahrungen, geht damit ins emotionale Gedächtnis und hat über die Jahrtausende eine eigene, kontextuelle Sprache der emotionalen Wirkung aufgebaut. Sie macht uns Gefühle und wir geben unseren Gefühlen damit Ausdruck. Wir nehmen sie über das Ohr auf oder auch über den Körper; die Sinnesreize gehen in das Gehirn und hinterlassen dort unauslöschliche Spuren. Die Musik geht in die Muskulatur, und lässt den Körper, das Herz, den Atem reagieren.

Damit wird deutlich, was auch für jeden anderen Rezeptionsvorgang wenngleich nicht immer in dieser Tiefe gilt: Musik generiert als Kulturform umfassendste, weil physische und psychische supra-individuellen Bedeutungsmuster im Menschen.

In der individuellen Biographie wird ganz früh schon die Bedeutung und Bewertung von Musik erfahren und im emotionalen Gedächtnis bewahrt. Mit jedem Musikeindruck wird dieses reichhaltiger und steht in der Bewertung und Empfindung jedes neuen Musikeindrucks prägend im Hintergrund.

Auf diesem Hintergrund tragen Klangeindrücke und Musik zur Prägung der menschlichen Existenz unmittelbar bei.
Da wir erkennen können, wie sich das Individuum in seiner Welt- und Raumbefindlichkeit durch die Klangeindrücke Eindrücke schon der frühesten Jahre bildet und dies vor allem physiologisch verorten können, liegt die pädagogische Frage an die Wirkung von Musik als Kulturation des Einzelnen auf der Hand.

Ich halte diese Einsicht, die wir der Neurobiologie verdanken, für ausserordentlich wichtig im politischen Sinn. Denn die Stimulation der Emotionen ist schon immer eine entscheidende Strategie auch politischer Beeinflussung gewesen. Die Musik in allen möglichen Variationen ist dabei sicher kein primäres System, aber doch entscheidend für die individuelle Befindlichkeit bis hin zur „Gleichschaltung“ z.B. der Hirnwellen.

Kultur der Gefühle durch die Kultur der Musik
Jede Musik hat auf Grund von Merkmalen ihrer klanglichen Struktur einen bestimmten Charakter. Dieser repräsentiert Grundformen menschlichen Verhaltens und Fühlens wider.

Musik, kann nicht nur einen starken Bewegungsantrieb ausüben, der in der Marsch- und Tanzmusik genutzt wird, oder umgekehrt den Organismus beruhigen, was Wiegenlieder aus aller Welt zeigen, sondern Musik kann auch Gefühle, insbesondere deren Dynamik, symbolisieren, sie kann Eile oder Ruhe, Kraft oder Zärtlichkeit ausdrücken.

Seit den Arbeiten Hevners (1936) sind Mittel und Formen des Ausdrucks in der Musik vielfach experimentell untersucht worden. Rösing (1993) gibt unter dem Titel „Musikalische Ausdrucksmodelle“ eine Übersicht über die Beziehungen zwischen strukturellen Merkmalen und ausgedrückten emotionalen Qualitäten.

Musik und Pädagogik
Musik, die über den Klang noch vor der Sprache gelernt wird, disponiert und womöglich entscheidender als die kognitive Sozialisation. Die Ästhetik und die Geisteswissenschaften sind an dieser Stelle herausgefordert, zu diskutieren, welche Konsequenzen hier für die pädagogische Konzeption unserer Kultur zu ziehen sind.

Diese Debatte ist sicher politisch bedeutend, denn sie könnte mit einiger Bewusstheit aus dem Wissen um die emotionalen Dispositionen des Individuums Konsequenzen ziehen. Für den Bereich der Ernährung ist es uns eine Selbstverständlichkeit, hier in Elternschulen, Kursen auf die Grundlagen der Ernährung hinzuweisen. Wenn wir nun die Bedingtheiten der physio-psychololgischen Bildung ebenso erkennen und den Anteil z.B. der Musik wissen, dann wäre es im positiven Sinn richtig, mit diesem Wissen bewusst umzugehen.

Wir haben es sicher nicht nur mit einer individuellen Bildungsfrage zu tun, sondern mit einer der Bildungsfragen der Demokratie oder auch des Sozialen überhaupt.


Bastian Studie in Schulen Berlins
Berühmt geworden, vor allem durch spektakuläres Medienecho, ist die sorgfältig über sechs Jahre erstellte Studie des Frankfurter Musikpädagogen und Kreativitätsforschers Hans Günther Bastian an Berliner Grundschulen.

Die einen Schülergruppen erhielten pro Woche 2 Stunden Musikunterricht, lernten ein Instrument und spielten gemeinsam in Musikgruppen. Die Kontrollgruppen- andere Klassen - hatten nur eine Stunde Musikunterricht und lernten kein Instrument.

Bislang hatte man vom Wert der künstlerischen, insbesondere musikalischen Bildung nur hoffnungsvoll sprechen können. Die Studie Bastians brachte erstmals konkrete Einsichten und dabei zwei beachtliche Ergebnisse: nach etwa vier Jahren Unterricht zeigen sich bei den Schülern mit vermehrter Musikbetätigung signifikante IQ Zugewinne, das gilt für schon zuvor intelligente Kinder ebenso wie für sozial benachteiligte wie kognitiv wenig geförderte Kinder.

Das zweite Ergebnis überraschte in seiner Eindeutigkeit selbst das team: Musikerziehung und Musizieren verbessert das soziale Klima in einer Klasse und darüber hinaus an der ganzen Schule.

Musizierende Kinder erwerben eine erfolgreichere Soziabilität als nichtmusizierende. Sie sind erfolgreicher in Bewältigung emotionaler Konfliktlagen, selber Musizieren lässt Gefühle der Agressivität, der Selbstunsicherheit besser bewältigen, die Identitätsbildung und das Selbstbewusstsein sind besser vorhanden, allerdings, wie die Kontrollgruppe zeigten, im gewissermassen nivellierten Verbund der musizierenden Gruppe, während in den Kontrollklassen stärker die dominanten Einzelnen in der Sympathiekurve langen.

Kultursysteme und Sozialisation
Der Trierer Professor für Soziologie, Roland Eckert, hat die Gewaltgenese bei Jugendlichen untersucht. Es geht ihnen um einen Gefühlszustand, der Aufregung, Abenteuer, Lustgewinn verspricht. Dieser Erlebnisraum wird gesucht. Traditionell findet er sich in den Arsenalen der Künste: die Katastrophenbilder der Hollywoodfilme, aus dem Fernsehen der Kommissar und seine Leichen, das ungemein kreative Horrorszenario aller Filme aller Kanäle und dazwischen, kaum unterscheidbar, die Bilder und Töne aus der sogenannten Wirklichkeit. Wie viele haben nicht die ersten Bilder des 11. September für einen Film gehalten.

Aufregung, Abenteuer und Lustgewinn – Libido des Lebens - kann sicher viele Wege finden, sich einzulösen. Nach Eckert liegt die Bandbreite zwischen Gewalt und künstlerischer Arbeit, also musischer Kreativiät.

In Diskotheken ist der Rave oder Techno Auslöser für Stresshormone, die so heftig durch die physische Präsenz der Musik auftreten, dass der Besucher ein körperliches und geistiges Hochgefühl bekommt. Auch hier Abenteuer, Aufregung, Lustgewinn.

Wir können inzwischen mit unserem eigenen Gehirn und den von dort ausgelösten Sensationen spielen.

Musik als Kultivierung
Sehen wir die neurobiologischen Tatsachen und die Ergebnisse von Bastians Berliner Langzeitstudie, dann gibt es wenig Grund, solche die Auswirkungen von Musikbeschäftigung zu trivialisieren in der Richtung „Musik macht intelligent“.

Wir sollten vielmehr die Kulturleistung der Kunst, hier der Musik, deutlich sehen. Ich hoffe, mit meinen Ausführungen einige gute Argumente für diese Betrachtung von Musik angeführt zu haben.

Es sind vor allem Argumente, die unser Verständnis von Musik als Kunstform nicht beinträchtigen, sondern erweitern. Sie machen uns verständlich, warum Musik zurecht die Zuschreibung Kunst verdient: sie bildet differenziert und tiefgreifend den Menschen. Hier ist Bildung im körperlichen und geistigen Sinn zu verstehen, genauer gesagt: es ist gleichzeitig ein körperlich-verstandesmässiger Prozess.

Da dem so ist, entsteht zurecht die bildungspolitsche Frage nach den Konsequenzen im Erziehungssystem. Die Antwort kann nun nicht einfach lauten: mehr Musikunterricht.

Die Antwort muss sein: mehr Musikunterricht, der aber anders. Anders kann nicht sein: weg von der Grund- und Hauptschule, hin zu den Musikschulen oder Spezialschulen für Musik. Musik gehört aus all den genannten Gründen mit zur zentralsten oder auch notwendigsten Ausbildung, die wir einem jungen Menschen angedeihen lassen können.

Unsere Musikkultur gehört dort schon mit hinein, denn sie hat ja durch ihre Differenzierung und ihren Reichtum diese Fähigkeiten mit ausgebildet.

Nein, wir sollten sie gerade aufgrund aller Einsicht unserer Wissenschaft als eine konstituierende Kulturleistung sehen und dementsprechenden Rang in unserem öffentlichen Bildungssystem geben.

Musik als ästhetische Anwendung
Für mich sind die jetzt schon vorliegenden Neuro-psycho-physiologischen Kenntnisse ein guter Hinweis, dass wir mit der Kunstform Musik ein kulturelles System vor uns haben, das uns ganzheitlich bildet. Das umfasst unsere Intelligenz, entwickelt unser Gefühl und auch das motorische System des Körpers..

Mir scheint es auch ein Zeichen, dass die Fragen, was unser Bewusstsein ist und wie wir unser Sein schaffen und dies auch reflektieren, immer enger in den physilogisch-psychologischen Zusammenhängen entdeckt wird.
Ergebnisse der anthropologisch-biologischen Forschung, besonders der Neuronalwissenschaften, lassen uns erkennen, dass wir uns kulturgeschichtlich hier Instrumente erschaffen haben, die dies besonders gut repräsentieren.

Es sind die Künste. Sie bewegen sich ebenso in rational wie emotional nachvollziehbaren Strukturen. Wir kommen in der Ausübung der Künste, besonders aber in der Vermittlung, heute nicht mehr um die Frage des Bewusstseins im zuvor geschilderten Sinn herum. Bei allem Respekt vor der Handwerklichkeit der Künste ist heute der Blick auf die Wirkung bei den Machern wie bei den Rezipienten gelenkt.

Für die Universitäten der Künste ist das der Anspruch, sich mit einer anthropologischen Ästhetik auch in biologischer Hinsicht zu beschäftigen. Wir sind gefordert, unsere Einsichten mit der eigensten Philosophie, der Ästhetik, anzugehen.


Musikerziehung und Gesellschaft
Für die Musikerziehung heisst das, ihre Bildungsziele aus dem Wissen um die Wirkung der Musik auf den Menschen neu zu verstehen und neu zu definieren. Sie soll den Menschen befähigen, sich selber in der Kulturleistung der Kunst an sich und mit sich zu sehen und zu empfinden. Dies geschieht mit dem Verstand und mit dem Körper. Es sind seine Eindrücke vom Leben, seine Gedanken über die Welt.

Die Künste werden im Lern- und Wachstumsprozess Bildungserlebnisse, aber physiologisch sind sie auch elementar bildend.

Dies ist eine Kulturleistung der Menschenbildung, die das reine Wissen um die Musikgeschichte, musikalische Formen oder die Beherrschung eines Instrumentes weit übersteigt. Musikerziehung kann sich nicht auf Lernstoff reduzieren. Sie gründet auf und kreiert einen genuinen, existentiellen Erfahrungsraum im Menschen.

Hier sehe ich die dringliche Aufgabe der demokratischen Gesellschaft und der Kulturpolitik, aus diesen Einsichten Konsequenzen zu ziehen. Nach der Pisa Studie dürften ohnedies die Kriterien des Lernens und der Wissensinhalte hierzulande auf dem Prüfstand stehen. Die wichtige Folgerung scheint mir dabei zu sein, dass wir – und aus diesem Grund die Sorgfalt und Fülle der neurobiologischen wie soziologischen Daten – den Erfahrungen künstlerischen Lernens bildungspolitisch den Platz einräumen, der gleichsam kategorial soziales Miteinander, Komplexität des Lernens und Handelns, soziale wie individuelle Kompetenz generiert und dazu noch die Komponenten der Individualität einbezieht.

Ich halte Erziehung in diesem Bereich für eine wesentliche Vorstufe demokratischer Kompetenz – die Stabilität oder auch Labilität der Persönlichkeitskomponenten sind immer die Voraussetzungen für politisches Verhalten. Zwar kann die Kunst dieses nicht führen – und bitter lassen sich hier die geschichtlichen Erfahrungen der Kulturnation Deutschland von 1933 bis 1945 anführen – aber doch formen und bilden.

Betrachten wir Kunst nicht als ein besonderes Privileg einiger, dem die Demokratie Transmissionsagentur ist, damit viele partizipieren sollten, sondern betrachten wir Kunst als eine Sicht- und Seinsweise , für die es Kulturformen gibt, die auch unser Miteinander und Füreinander bilden.

Es liegt an uns, ob wir solchen Erfahrungen trauen und sie zum Allgemeingut unserer Bildung machen, damit sie als Erfahrungs- und Entscheidungsprinzip fördern – oder aber Kunst als den Ausnahmefall sehen, der durch Partizipation „demokratisiert“ werden kann.

Die Zeit wäre reif für ersteres und handfeste Daten der Anthropologie liefern gute Argumente dafür. Es bleibt die offene Frage (und es wäre die Konsequenz), ob Demokratie Kunst als Gestaltungsprinzip einbeziehen will, ohne damit gleich die Kunst demokratisch zu machen.

Ebenen der Musikwahrnehmung
Die Musikrezeption beinhaltet allerdings viele Wahrnehmungsmöglichkeiten, die sich der sehr differenzierten Kulturpraxis Musik sehr verschieden annähern können. Doch mählich lüftet sich das Geheimnis der Kunstschöpfung – nicht nur durch eine Entzauberung in der Musikästhetik, die heute sehr konzeptionell mit der eigenen Tradition umgeht und damit für die Hörgewohnheiten der Zeitgenossen auch völlig befremdlich werden kann - sie müssen als Laien sozusagen in die Zukunftswerkstatt des Schöpfens schauen.

Wir erinnern uns natürlich, dass es auch in der bildenden Kunst ebenso nicht ohne Friktionen und Skandale abging – allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir hier keine so massiven biologischen Prägungen zu berücksichtigen haben.

Es lüftet sich auch das Geheimnis des Schöpferischen der Musik in dem Sinn, dass die Wirkung nicht numinos bleibt, sondern in der neurophysiologischen Rezeptionsforschung beschrieben werden kann.

Es ist nicht der Fall – vor allem nicht heute beim derzeitigen Stand der Forschung – dass die Beschreibung irgendwie ein Urteil fällen könnte über die Ästhetik der Musik. Sie kann nur urteilen über die körperliche Wirkung und das rezeptive Feld und über die Disposition, auf die das Hören von Musik trifft.

Wir haben hier die Möglichkeit zu diskutieren – der Kongress heisst Kunst und Demokratie - von einer kunstimmanenten Musikauffassung zu einer gesellschaftlich reflektierten, also zur Einschätzung der KULTUR DER Musik zu kommen.


Musik und Gesellschaft
Es ist aber der Fall – wir wissen es aus der Geschichte – dass Musik natürlich immer funktionalisiert worden ist – zu Festen, zu Aufmärschen, zum Tanz, für den Glauben – doch können wir heute besser verstehen, auf welche physio-psychologische Funktionen sie sich stütz und wie diese ausgelöst werden.

Kaufhausmusik, Bahnhofsmusik, Musik in Wartezimmern, Musik beim Fussball, Musik überall – wir können heute durch die Rezeptionssoziologie, die Entwicklungspsychologie und die Neurobiologie die Disposition durch Musik besser verstehen.

Es ist gewiss eine beachtliche Kulturleistung, hier ein individuell generierbares ästhetisches Produkt für die individuelle wie soziale Stimulation geschaffen zu haben, das wie eine sehr umfängliche Sprache viele Ebenen der Bedeutung transportiert, dennoch basal ähnlich wirkt und damit hochgradig sozial funktioniert.