Kultur
der Kunst in der Moderne – Orte.
Die europäische Kunstentwicklung hat nicht nur dahin geführt,
sinnliche Konzepte menschlicher Weltsicht in Musik, Malerei, Plastik und
Darstellender Kunst zu entwickeln, sondern sie letztlich - und nach Ablösung
von ehemaligen Funktionsräumen - an Orten zu präsentieren, die
einzig dafür entstanden sind.
So
kam es zu Theatern, Konzertsälen, Museen – wie wir vorgestern
von Bundesminister Nida Rümelin hören konnten, sind z.B. fast
die Hälfte aller Theaterbauten weltweit in den deutschsprachigen
europäischen Ländern zu finden.
Häuser
mit einer eigenen Funktion, aber auch eigenen Konvention der Rezeption
– das galt nach der Form, aber auch nach dem Gehalt. Sie galten
lange auch als Orte gesellschaftlichen Wertes und Repräsentanz.
Es
sind oder waren Orte der Öffentlichkeit, in denen sich eine Gesellschaft
im Spiel der Kräfte aus Publikum, Presse und letztlich auch Politik
verständigte, welche künstlerischen Konzepte der Wirklichkeit
als relevanter Beitrag in den gesellschaftlichen Diskurs aufgenommen wurden
(und werden) und damit Themen dort und darüber hinaus relevant markieren.
So
ist das System aus Theatern, Museen und Konzertsälen in Form repräsentativer
gesellschaftlicher Zentralbauten gewachsen. Theater-, Museums- und Konzertskandale
der Vergangenheit sind uns Zeugnisse, wie es mit den Theaterstücken
eines Hauptmann oder Schnitzler, der Musik eines Anton Webern und den
Bilder eines Schiele als Sichtweisen und Beiträge in diesen Pantheons
gesellschaftlicher Selbstverständigung zuging.
Walter Benjamins frühe Beobachtung der technischen Reproduzierbarkeit
von Kunstwerken konnte kaum in das wahrlich weite Feld einer Kunstentwicklung
hineinsehen, das überhaupt die technische Produktion zur Grundlage
machte und damit weitgehende Änderungen in der Kultur der Kunst auslöste.
Die
Formen änderten sich – Darstellende Kunst fand sich auf dem
screen und Fernsehbildschirm wieder, Musik auf Platten, CDs und im Rundfunk,
die Malerei geriet auf Kunstdrucke und in Bildbände der Massenproduktion,
zuletzt in virtuelle Galerien des Internet.
Die
Gehalte änderten sich ebenso – Neue Erzählweisen entstanden
und auch neue Bildsprachen, Musik konnte unter fast laborartigen Bedingungen
im Studio zu einer unerhörten Perfektion aber auch neuem Klangerlebnis
gebracht werden und zudem neue Tongebungsverfahren finden, die auch das
„musizieren miteinander“ anders definieren; die Malerei wandte
sich von der Konvention des Abbildes im Masse des Aufstiegs von Foto und
Film ab, ebenso die Plastik.
Aber
auch die Rezeption änderte und ändert sich: sie entbindet sich
zunehmend von Ort und Zeit, wird globaler, vielfältiger, entbindet
sich dabei aber auch von der gesellschaftlichen Konventionen eines Publikums,
das als Mit-Spieler in den Häusern der Kultur – Theater, Konzerthaus
und Museuum - die relevanten Themen solcher Weltsicht mitverhandelte.
Es
ist als Käufer von CDs, Kinokarten, gezählter Museumsbesucher
ein „Mitspieler der Füsse“ geworden, eine Markt- und
Einschaltgrösse. Es hat sich geteilt und verteilt.
Das, was es zuvor an bestimmten Orten der Kunst sehen wollte und dort
auch nur sehen konnte, ist heute vielfältig im Wohnzimmer, Bücherschrank,
CD Player gleich und jederzeit erreichbar, konsumierbar.
Hier
machen die Quantitäten der Produkte und ihr Preis auch die Qualität
ihres Vorkommens in der Welt - denken wir beispielweise nur an den globalen
Markt für klassische, westeuropäische Musikkonserven.
Der Zuschauer oder Zuhörer fällt heute in der Demokratie als
Publikum - und nicht gering durch die Entwicklung der Kultur der Kunst
in der Moderne bedingt - als soziale, politische Grösse aus dem Diskurs
künstlerischer Weltsicht mehr oder weniger heraus und ist ebenso
wenig in der Vielfalt der Formen und Gehalte des „verstehens“
künstlerischer Sprachen geübt oder gar kompetenter Dialogpartner
und Mit-Spieler.
Bestenfalls
als einzelner und Fachkundiger kommt er in Betracht – nicht aber
als Publikum, wie wir es historisch kennen. Seine Rolle liegt vielmehr
zwischen Verbraucher und Publikum, letzteres aber kaum mehr im Sinn gesellschaftlich
konventionellen Mit-Spiels im Diskurs des Öffentlichen.
Aus dieser nur skizzenhaft aufgezeigten Entwicklung der Moderne wird deutlich,
dass wir einen tiefgreifenden Wandel der Kultur der Kunst zu konstatieren
haben.
Er geht - bezogen auf die Orte - vom repräsentativ Öffentlichen
ins Feld privater Wahrnehmung und Geltung – teils durch die mediale
Präsentation und Nutzung, teils durch Wandel von der Konvention des
Publikums zum individuellen Konsum von Kunst.
So begegnen wir heute dem Individuum als der Stätte der Repräsentanz
künstlerischer Empfindung. Der Körper mit der Vielfalt seiner
Bildungsgeschichte ist selber im Verlauf der Moderne zum Ort der Kunst
geworden.
Die
Konvention des Privaten als ästhetische Grösse
Mit der Aufgabe der jahrhundertelang gültigen Konventionen des Abbilds
in der Malerei, der gängigen Harmonien und Musikformen in der Musik,
der Erzählformen der Einheit von Zeit und Raum sind für den
Rezipienten aber auch den Produzenten von artefakten vor allem die subjektiven
Auseinandersetzungen mit dem Überkommenen oder aber die subjektiven
Bedeutungskonstrukte aus dem Erzählrahmen Kunst geblieben.
Das
ist im Prinzip der status der Individuation, den die Moderne kennt und
der auch in den Kommunikationswissenschaften – ich nenne Paul Watzlawick
– für die Situation des Individuums konzidiert wird.
Wenn
wir diese Situation der Idividuation und des Subjekts als Bühne –
ich erinnere die Arbeiten von Martina Abramovic – und des kommunizierbaren
Privatmythos als die bestmögliche Präsentation und Konvention
des artefacts heute akzeptieren ( ich verweise auf die Materialien bei
Joseph Beuys ) dann sind Herkünfte ästhetischen Kategorien neu
ins Kalkül zu ziehen und die Konstitution künstlerischer und
rezipierender Konvention gerade unter politischem Aspekt neu zu bedenken.
Kunst
und Politische Gesellschaft
Von diesem Wandel ist auch der Stellenwert der Kunst in der öffentlichen
Debatte der Demokratie stark betroffen. Es geht in der Kulturpolitik nicht
mehr nur um eine Bereitstellungsdebatte – durch das Steuergeld aller,
die eine Legitimationsdebatte sein kann.
Das
war Thema der siebziger Jahre. Wenn es – wie dies Bundesminister
Nida Rümelin zur Eröffnung des Kongresses meinte - um die Legitimation
der Ausgaben der öffentlichen Hand in der Weise gehe, dass Kunst
als Weltsicht überhaupt zu erhalten und damit zu fördern sei,
indem man eben mit öffentlichem Geld Künstler und Werke fördert,
dann stellt sich doch sehr die Frage, ob wir damit mehr eine Fertigkeit
erhalten wie den mittelalterlichen Handwerker oder den Mantel des Kaisers,
den wir auch mit öffentlichem Geld im Museum ausstellen, oder aber
einen Beitrag zur Geltung von Kunst in der Gestaltung unsrer Gesellschafts-
und Lebensverhältnisse, also auch zu unserer demokratischen Staatsform,
dem Erwerbs- und Sozialleben, der Produktion von Lebensgütern oder
auch der Natur- und Umweltfrage meinen.
Mein Eindruck ist, dass eben diese Frage, wie denn die Kunst als eine
besondere Weltsicht eingreift in all jene Prozesse unseres Staats- und
Gesellschaftswesen und warum sie eingreifen soll, in der Kulturpolitik
wenig debattiert und schon gar nicht gelöst ist. Wir haben die Kunst
als eine Grösse repräsentativer Öffentlichkeit übernommen.
Das ist sie heute – bis auf wenige Ausnahmen abgesehen – nicht
mehr.
Daher müsste im Blick sein, wie wir hier die Verständigung im
Öffentlichen erreichen, denn das gälte als demokratischer Prozess.
Was hat hier die Kunst zu schaffen – was bedeutet sie in staatspolitischen
und gesellschaftspolitischen Prozessen?
Das
Individuum als Öffentlichkeit
Doch die größte Entpolitisierung der repräsentativen Orte
künstlerischer Geltung schlägt heute im individuellen unversehens
zur breitesten Wirkung künstlerischer Repräsentanz um.
Voraussetzung
ist natürlich die in jeder Hinsicht omnipräsente Kultur der
Medien und die wachsenden Einflüsse der Weltkultur auf jeweilige
Kulturkreise. Die Medien sorgen durch die technische Reproduktion für
grösstmögliche Verbreitung dieser „Bühne des Individuums“.
Das
ist Realität, strukturell wie reell: die Shows des Privaten sind
in den Massenmedien ebenso präsent wie in den weltweit erreichbaren
private homepages. Dadurch kommunizieren sich auch ästhetische Kategorien.
Dies
erreicht auch ästhetische Produktion selbst: wir kennen heute Internet
Autoren, digitale Bearbeitungen im Format des PC screens aber auch Bands,
deren Zusammenspiel eine Schaltungen zwischen entfernten Orten ist.
Die Idee des repräsentativen Raumes für Kunst, deren ästhetische
Kriterien vom Publikum konventionell überwiegend akzeptiert wurden,
transformiert sich in der Moderne mit zunehmender Aufgabe der Konvention
und mit Individualisierung der Mittel und Botschaft.
Es
definiert sich repräsentativ der Vorgang individueller Rezeption,
resp. des Dialogs zwischen dem Künstler und dem Betrachter, dem Hörer.
So konstituiert sich als Raum allgemeiner Geltung der Rezipient in Körper,
Gefühlt und Verstand selber. Darüber hinaus schaffen die „Auftritte“
der Subjekte in den für alle verfügbaren Medien Öffentlichkeit.
Die Bühnen von heute sind neben Kino und Fernsehen vor allem das
Telefon (besonders: Handy), Fax, Email und das Internet. Überall
dort setzt sich die öffentliche Geltung des Privaten durch. Die Vervielfältigung
des „Auftritts“ des Einzelnen im elektronischen Raum der Medien
bringt dem Subjekt repräsentative Geltung.
Das Subjektive wird zum gültigen Ort und dem richtigen Raum der Kunst.
Neue Entwicklung in der anthropologischen Biologie geben uns gute Anhaltspunkte,
den heute verbindlichen Raum der Kunst, nämlich die Subjektivität
des Individuums, weiter aufzuschlüsseln.
Er
läßt sich nicht mehr nur als erfahrungsgeprägter Raum
definieren, dessen Gestaltungskriterien uns die Psychologien von Freud,
Jungk ,Adler genannt haben.
Er
läßt sich vielmehr als entstehender Raum definieren, wie uns
heute die Entwicklungspsychologie, die Bewußtseinsforschung, generell
die neuropsychologischen Wissenschaften berichten. Damit differenziert
sich das Bild des individuellen Subjekts in die Konstruktion des Körpers,
das Gedächtnis des Ichs und die kognitiven, mentalen und emotionalen
Wechselwirkungen seiner Existenz.
Wir stehen heute vor einem analytischen Apparat der biologischen Wissenschaften,
der für das Verständnis der künstlerischen Prozesse in
Produktion wie Rezeption nicht ohne Folgen bleibt. Wirkung der Kunst,
die Eindrücke über Sehen, Hören, Raumempfinden können
nun in den Körper hinein verfolgt werden.
Doch gleichzeitig läßt sich mit Blick auf die allgemein individuelle
Interpretation des Kunsteindrucks eine zweite Ebene ins Kalkül ziehen.
Wenn die Konventionen eines Kulturkreises nicht mehr die natürliche
Grenze der ästhetischen Rezeption darstellen, werden die künstlerischen
Botschaften entweder Universalien der Kulturen suchen und penetrieren
- solche Aufbrüche gab es auch jenseits von Hollywood, wenn wir an
die Suche und Sammlung von Universalien des Gestus auf den Bühnen
der Welt, der Klänge oder Rhythmen der Welt in immer neuen fusion
Projekten oder des Erzählgestus der Bühne wie bei Peter Brook
denken - oder aber werden sich auch auf Wirkungen verlassen, die anthropologisch
allgemein gegeben sind.
So können wir beispielsweise Musik – kulturell betrachtet –
auch beschreiben als eine spezielles „Spiel“ zur Stimulation
der Psyche – und nicht nur dieser, wie noch zu zeigen sein wird
– eine Stimulation, die für jeden menschlichen Körper
weltweit gilt und in jedem nachgewiesen werden kann.
Individualität
und anthropologische Konstanten – Biologie der Rezeption
Zwar ist jede Biographie eines Menschen besonders und strukturiert durch
Veranlagung, Kulturkreis, Bildung und sozialen Rahmen, wie Intention.
Doch teilt sie aufgrund der biologischen Gegebenheit mit jedem anderen
Individuum der Welt auch grundlegende Disposition wir jene der neuronalen
Zellenverbände, Hirnfrequenzen und die Zellchemie. Was uns z.B. als
Kunst in Farbe, Form, Klang, Raum begegnet, was uns berührt, was
auf uns wirkt, das nimmt den Weg über die Sinnesorgane des Menschen
und die neuronale Steuerungsstelle des Gehirns.
Wirkung von Kunst ist also auch die Wirkung auf diesen Teil unseres Körpers.
Dieser Teil ist aber zentral in der Konstitution des Bewusstseins unserer
personalen Identität.
Jedes
gesehene Bild, jede Farbe, jeder gehörte Klang, jeder erspürte
Raum wird hier „wahrgenommen“, gespeichert und in Empfinden
umgesetzt.
Wenn
wir heute, nach der Dekade der Gehirnforschung und mit den Einsichten
in die Hormonsteuerung und Neuroimmunbiologie über die Wirkung und
Geltung der Kunst für den Menschen sprechen, so können wir deren
neuronale Präsenz, die neuronalen Reflexe, die psycho-somatische
Folgen nicht unbedacht lassen. Jeder Reiz durch Kunst nimmt diesen Weg
zu dem, was sich als ICH empfindet.
Phylogenetisch müssen wir dabei konzidieren, dass dieses System unseres
Bewusstseins eng verbunden ist mit der Erfahrungskonstitution des limbischen
Systems im Gehirn des Menschen. Es ist das Unbewusste, von den Basalganglien,
dem corpus striatum, globus pallidus, substantia nigra oder nucleus subthalamicus
gesteuert.
Psychologische
Forschungen bestätigen heute: bevor wir eine willentliche Position
einnehmen, eine Entscheidung der Zustimmung oder Ablehnung fällen,
hat das limbische System bereits untersucht und entschieden. Von dort
kommt die Grundlage für die Aktivität der Grosshirnrinde, des
präfrontalen Cortex, in der wir Nachdenken, Phantasie entwickeln,
Sprache formen, Moral- und Wertvorstellungen entwickeln und die Steuerleute
unseres Handelns zu sein glauben.
Prägend
ist aber das emotionale Gedächtnis, das unser limbisches System früh
aufbaut. Die noch vorsprachlichen, vorbewussten Eindrücke der Sinne,
die Handlungserfahrungen, seit dem Mutterleib gesammelt, körperliches
und emotionales Bewusstsein, diese werden zur Grundlage unserer weiteren
Bildungs- und Handlungszugänglichkeit.
Darunter
auch Farbe und Klang, buchstäblich vor allem aber das Hören.
Hier werden schon z. B. schon durch die Tonwahrnehmung im pränatalen
Zustand, durch die damit verbundenen körperlichen Reaktionen –
es sind ja zwei Körper – bis hin zur hormonellen Ausschüttung
Erfahrungen gemacht und gesammelt. Das müssen wir uns nicht abstrakt,
sondern konkret als die Reaktion von Gehirnzellen, Botenstoffen und Hormonen
und entsprechenden Reaktionen des Körpers vorstellen.
Dieses unbewusste Bewusstsein der Emotionen , eingelassen durch die Sinne,
körperlich erfahren, ist das, womit die Künste primär arbeiten.
Sie sprechen durch Farben und Formen, durch Körperlichkeit zu uns,
auch durch Klänge, Melodien und Rhythmen.
Für
jede Kultur, jedes Individuum sind sie zwar kontextuell und vielfältig
zu differenzieren, doch physiologisch haben wir es mit ähnlichen
Wirkungsmechanismen zu tun, jenen, die über die Sinne in unser limbisches
System gehen.
Wenn wir also das Individuelle heute als die Bühne der Kunst verstehen,
in der suprakulturelle Botschaften aufgenommen werden und uns auch multinormativ
zu Artefakten unterschiedlichster Kulturkreise verhalten können,
dann ist von Interesse, die Universalien der Rezeption wahrzunehmen.
Ich
will damit nicht behaupten, dass die neurobiologischen die einzigen sind,
aber doch wesentlich neben jenen des kulturellen Lernens und der sozialen
Disposition.
Bildung von Physis und Psyche beim Kind
Das Wissen um die kindliche Entwicklung und um die Biologie des Menschen
ist gewachsen: Neurobiologie, Immunbiologie, Chronobiologie, Emotionsforschung:
sie alle geben uns neue und stetig mehr Hinweise, wie Musik und Bildung
des Menschen zusammenhängen.
Man
könnte hier eigentlich von „Tönung“ statt von der
Bildung sprechen – doch in Bezug auf Zellen, Synapsen, Botenstoffe
und die körperliche Seite ist das Wort Bildung im Sinne körperlich-geistiger
Ausprägung ganz angebracht.
Die Wirkung von Musik auf das Zentralnervensystem und das Vegetativum
wurde bereits in den sechziger Jahren in einer von Herbert von Karajan
angeregten Forschungsgruppe ( Gerhart Harrer, Wilhelm Josef Revers, Walther
C. M. Simon an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg und Helmuth
Petsche in Wien) untersucht.
Sowohl
in diesen als auch in anderen weltweit publizierten Forschungsarbeiten
wurden die Einflüsse der Musik auf Emotionen nachgewiesen.
Während die Funktionen des Gehörsinnes relativ weitgehend erforscht
sind, sind die Kenntnisse über das System aus Vestibularapparat und
den in der Körperperipherie gelegenen Propriozeptoren kaum vorhanden.
Dieses System steuert jedoch neben Körperlage und Gleichgewicht auch
die Koordination der gesamten Motorik. Dass es von Musik wesentlich beeinflusst
wird, zeigen die körperlichen Reaktionen wie zur Musik tanzen, wippen,
auch Muskelkontraktionen etc.
Wenn wir im Bewusstsein haben, dass sich das noch ungeborene Kind in seiner
Gehörentwicklung ab dem vierten Schwangerschaftsmonat raumakustisch
zu orientieren beginnt und bedenken, dass wir ohnedies ein sehr differenziertes
auditorisches Wahrnehmungsvermögen haben, dann lässt sich leicht
sehen, dass unsere Geräusch- und Tonwahrnehmung die allergrösste
existentielle Bedeutung für uns hat.
Dies
lässt sich bis in die Körperorganisation hineinverfolgen. Es
bedeutet, dass unsere Persönlichkeit von ihrer identischen Klangwelt
her lebt, ja sogar konditioniert ist.
Das System der Informationsspeicherung
Insgesamt schätzt man, dass ca. 100 Milliarden Neuronen des Gehirns
mit über 100 Trillionen Verbindungen Kontakt halten. Erinnerungen
werden von Neuronengruppen gebildet. Jede Verbindung davon hat das Potential,
Teil einer Erinnerung eines Menschen zu sein.
Es scheint vor allem bei der Aktivierung darauf anzukommen, ruhende Neuronen-Netze
im Gehirn durch eine passende Stimulation zu aktivieren. Der Speicherschlüssel
scheint emotional und körperlich zu sein.
Offenbar
kann das Musik in vielen Fällen und offenbar ist sie die ultimative
Kulturleistung, die es bis zuletzt im menschlichen Leben vermag. Vermutlich,
weil sie so eng oder tief mit wesentlichen Qualitäten unseres Seins
verbunden ist: vom Herzrhythmus bis zur Raumorientierung, vom Bewegungsapparat
bis zur emotionalen Struktur.
Dies Bild können wir komplettieren, wenn wir z.B. die Wirkung des
Rhythmus auf das Gehirn und vor allem dessen Verbindung mit dem motorischen
System des Körpers betrachten.
Das
Gehirn, so hat es Michael Thaut am Zentrum für biomedizinische Musikforschung
der Colorado State University, Fort Collins, herausgefunden, ist extrem
schnell in der Lage, einen von aussen vorgegebenen Rhythmus zu adaptieren
und in Bewegung umzusetzen. Das gilt für den gesunden Menschen.
Bei
kranken Menschen wie Schlaganfall Patienten, Parkinson-Patienten, Alzheimer
Patienten, brachte Musik entsprechender Qualität zustande, das bewegungsunfähige
Menschen wieder laufen konnten, Gelähmte Klavier spielten oder Erinnerungslose
mit einem Musikstück längst verloren geglaubte Ereignisse ihres
Lebens wieder wussten, andere sprachen nicht mehr, begannen aber, zu singen.
Die Untersuchungen des Tübinger Neurologe Niels Birbaumer vertiefen
noch den Einblick in die Zusammenhänge. Die Produktion und Beschäftigung
mit Musik – so fand er heraus - hat einen dauerhaften Einfluss auf
anatomische und physiologische Strukturen des Gehirns. Das
gilt zumindest für jene Personen, die sich mit klassischer Musik
beschäftigen oder aber Musik produzieren.
So
zeigt sich bei Darbietung von komplexer artifizieller Musik, die von einem
Computer nach Gleichungen des deterministischen Chaos erzeugt wurde, im
Vergleich zu einfacher, repetitiver Pop Rhythmik, dass die Gehirnströme
in Resonanz zu der dargebotenen Musik ebenso komplexe oder repetitive
Muster im EEG bilden.
Bei Musikern, die klassische Musik spielen, fand man gegenüber Kontrollpersonen
eine deutlich anatomisch ausgedehnte Korrelation des EEGs zwischen verschiedenen
Hirnarealen in beiden Hemissphären: sehr viel mehr Areale müssen
zusammenarbeiten, um produktive Leistungen zu erbringen...
Bei
Musikern mit absolutem Gehör ist das planum Temporale vergrössert,
bei Geigern sind die Areale der Hand im Kortex deutlich vergrössert.
Wie bedeutend die auditorische Wahrnehmung ist, zeigen auch die Untersuchungen
der Psychologin Jenny Saffran von der Universität in Madison, Wisconsin.
Sie entdeckte, dass soeben geborene Kinder über das absolute Gehör
verfügen. Das hält bis zu einem Jahr nach der Geburt an und
verflüchtigt sich dann wieder.
Alexandra
Lamont von der Universität in Leicester fand heraus, dass Kleinkinder
in der Lage sind, verschiedenste Musikstücke, die sie als Embryos
gehört haben, auch noch ein Jahr nach der Geburt eindeutig wieder
erkennen, ohne sie zwischenzeitlich gehört zu haben.
Kultur der Musik
Musik sehen wir als Kunst, die in der Entstehung und Wirkung eigenen Dimensionen
folgen kann. Aber sie ist zugleich Teil unserer Kultur, entstanden, entwickelt,
Teil unseres Wesens. Sie basiert auf dem menschlichen auditiven System
unserer Erfahrungen, geht damit ins emotionale Gedächtnis und hat
über die Jahrtausende eine eigene, kontextuelle Sprache der emotionalen
Wirkung aufgebaut. Sie macht uns Gefühle und wir geben unseren Gefühlen
damit Ausdruck. Wir nehmen sie über das Ohr auf oder auch über
den Körper; die Sinnesreize gehen in das Gehirn und hinterlassen
dort unauslöschliche Spuren. Die Musik geht in die Muskulatur, und
lässt den Körper, das Herz, den Atem reagieren.
Damit wird deutlich, was auch für jeden anderen Rezeptionsvorgang
wenngleich nicht immer in dieser Tiefe gilt: Musik generiert als Kulturform
umfassendste, weil physische und psychische supra-individuellen Bedeutungsmuster
im Menschen.
In der individuellen Biographie wird ganz früh schon die Bedeutung
und Bewertung von Musik erfahren und im emotionalen Gedächtnis bewahrt.
Mit jedem Musikeindruck wird dieses reichhaltiger und steht in der Bewertung
und Empfindung jedes neuen Musikeindrucks prägend im Hintergrund.
Auf diesem Hintergrund tragen Klangeindrücke und Musik zur Prägung
der menschlichen Existenz unmittelbar bei.
Da wir erkennen können, wie sich das Individuum in seiner Welt- und
Raumbefindlichkeit durch die Klangeindrücke Eindrücke schon
der frühesten Jahre bildet und dies vor allem physiologisch verorten
können, liegt die pädagogische Frage an die Wirkung von Musik
als Kulturation des Einzelnen auf der Hand.
Ich halte diese Einsicht, die wir der Neurobiologie verdanken, für
ausserordentlich wichtig im politischen Sinn. Denn die Stimulation der
Emotionen ist schon immer eine entscheidende Strategie auch politischer
Beeinflussung gewesen. Die Musik in allen möglichen Variationen ist
dabei sicher kein primäres System, aber doch entscheidend für
die individuelle Befindlichkeit bis hin zur „Gleichschaltung“
z.B. der Hirnwellen.
Kultur
der Gefühle durch die Kultur der Musik
Jede Musik hat auf Grund von Merkmalen ihrer klanglichen Struktur einen
bestimmten Charakter. Dieser repräsentiert Grundformen menschlichen
Verhaltens und Fühlens wider.
Musik,
kann nicht nur einen starken Bewegungsantrieb ausüben, der in der
Marsch- und Tanzmusik genutzt wird, oder umgekehrt den Organismus beruhigen,
was Wiegenlieder aus aller Welt zeigen, sondern Musik kann auch Gefühle,
insbesondere deren Dynamik, symbolisieren, sie kann Eile oder Ruhe, Kraft
oder Zärtlichkeit ausdrücken.
Seit
den Arbeiten Hevners (1936) sind Mittel und Formen des Ausdrucks in der
Musik vielfach experimentell untersucht worden. Rösing (1993) gibt
unter dem Titel „Musikalische Ausdrucksmodelle“ eine Übersicht
über die Beziehungen zwischen strukturellen Merkmalen und ausgedrückten
emotionalen Qualitäten.
Musik
und Pädagogik
Musik, die über den Klang noch vor der Sprache gelernt wird, disponiert
und womöglich entscheidender als die kognitive Sozialisation. Die
Ästhetik und die Geisteswissenschaften sind an dieser Stelle herausgefordert,
zu diskutieren, welche Konsequenzen hier für die pädagogische
Konzeption unserer Kultur zu ziehen sind.
Diese
Debatte ist sicher politisch bedeutend, denn sie könnte mit einiger
Bewusstheit aus dem Wissen um die emotionalen Dispositionen des Individuums
Konsequenzen ziehen. Für den Bereich der Ernährung ist es uns
eine Selbstverständlichkeit, hier in Elternschulen, Kursen auf die
Grundlagen der Ernährung hinzuweisen. Wenn wir nun die Bedingtheiten
der physio-psychololgischen Bildung ebenso erkennen und den Anteil z.B.
der Musik wissen, dann wäre es im positiven Sinn richtig, mit diesem
Wissen bewusst umzugehen.
Wir
haben es sicher nicht nur mit einer individuellen Bildungsfrage zu tun,
sondern mit einer der Bildungsfragen der Demokratie oder auch des Sozialen
überhaupt.
Bastian Studie in Schulen Berlins
Berühmt geworden, vor allem durch spektakuläres Medienecho,
ist die sorgfältig über sechs Jahre erstellte Studie des Frankfurter
Musikpädagogen und Kreativitätsforschers Hans Günther Bastian
an Berliner Grundschulen.
Die
einen Schülergruppen erhielten pro Woche 2 Stunden Musikunterricht,
lernten ein Instrument und spielten gemeinsam in Musikgruppen. Die Kontrollgruppen-
andere Klassen - hatten nur eine Stunde Musikunterricht und lernten kein
Instrument.
Bislang
hatte man vom Wert der künstlerischen, insbesondere musikalischen
Bildung nur hoffnungsvoll sprechen können. Die Studie Bastians brachte
erstmals konkrete Einsichten und dabei zwei beachtliche Ergebnisse: nach
etwa vier Jahren Unterricht zeigen sich bei den Schülern mit vermehrter
Musikbetätigung signifikante IQ Zugewinne, das gilt für schon
zuvor intelligente Kinder ebenso wie für sozial benachteiligte wie
kognitiv wenig geförderte Kinder.
Das
zweite Ergebnis überraschte in seiner Eindeutigkeit selbst das team:
Musikerziehung und Musizieren verbessert das soziale Klima in einer Klasse
und darüber hinaus an der ganzen Schule.
Musizierende
Kinder erwerben eine erfolgreichere Soziabilität als nichtmusizierende.
Sie sind erfolgreicher in Bewältigung emotionaler Konfliktlagen,
selber Musizieren lässt Gefühle der Agressivität, der Selbstunsicherheit
besser bewältigen, die Identitätsbildung und das Selbstbewusstsein
sind besser vorhanden, allerdings, wie die Kontrollgruppe zeigten, im
gewissermassen nivellierten Verbund der musizierenden Gruppe, während
in den Kontrollklassen stärker die dominanten Einzelnen in der Sympathiekurve
langen.
Kultursysteme
und Sozialisation
Der Trierer Professor für Soziologie, Roland Eckert, hat die Gewaltgenese
bei Jugendlichen untersucht. Es geht ihnen um einen Gefühlszustand,
der Aufregung, Abenteuer, Lustgewinn verspricht. Dieser Erlebnisraum wird
gesucht. Traditionell findet er sich in den Arsenalen der Künste:
die Katastrophenbilder der Hollywoodfilme, aus dem Fernsehen der Kommissar
und seine Leichen, das ungemein kreative Horrorszenario aller Filme aller
Kanäle und dazwischen, kaum unterscheidbar, die Bilder und Töne
aus der sogenannten Wirklichkeit. Wie viele haben nicht die ersten Bilder
des 11. September für einen Film gehalten.
Aufregung, Abenteuer und Lustgewinn – Libido des Lebens - kann sicher
viele Wege finden, sich einzulösen. Nach Eckert liegt die Bandbreite
zwischen Gewalt und künstlerischer Arbeit, also musischer Kreativiät.
In Diskotheken ist der Rave oder Techno Auslöser für Stresshormone,
die so heftig durch die physische Präsenz der Musik auftreten, dass
der Besucher ein körperliches und geistiges Hochgefühl bekommt.
Auch hier Abenteuer, Aufregung, Lustgewinn.
Wir können inzwischen mit unserem eigenen Gehirn und den von dort
ausgelösten Sensationen spielen.
Musik
als Kultivierung
Sehen wir die neurobiologischen Tatsachen und die Ergebnisse von Bastians
Berliner Langzeitstudie, dann gibt es wenig Grund, solche die Auswirkungen
von Musikbeschäftigung zu trivialisieren in der Richtung „Musik
macht intelligent“.
Wir
sollten vielmehr die Kulturleistung der Kunst, hier der Musik, deutlich
sehen. Ich hoffe, mit meinen Ausführungen einige gute Argumente für
diese Betrachtung von Musik angeführt zu haben.
Es
sind vor allem Argumente, die unser Verständnis von Musik als Kunstform
nicht beinträchtigen, sondern erweitern. Sie machen uns verständlich,
warum Musik zurecht die Zuschreibung Kunst verdient: sie bildet differenziert
und tiefgreifend den Menschen. Hier ist Bildung im körperlichen und
geistigen Sinn zu verstehen, genauer gesagt: es ist gleichzeitig ein körperlich-verstandesmässiger
Prozess.
Da dem so ist, entsteht zurecht die bildungspolitsche Frage nach den Konsequenzen
im Erziehungssystem. Die Antwort kann nun nicht einfach lauten: mehr Musikunterricht.
Die
Antwort muss sein: mehr Musikunterricht, der aber anders. Anders kann
nicht sein: weg von der Grund- und Hauptschule, hin zu den Musikschulen
oder Spezialschulen für Musik. Musik gehört aus all den genannten
Gründen mit zur zentralsten oder auch notwendigsten Ausbildung, die
wir einem jungen Menschen angedeihen lassen können.
Unsere
Musikkultur gehört dort schon mit hinein, denn sie hat ja durch ihre
Differenzierung und ihren Reichtum diese Fähigkeiten mit ausgebildet.
Nein, wir sollten sie gerade aufgrund aller Einsicht unserer Wissenschaft
als eine konstituierende Kulturleistung sehen und dementsprechenden Rang
in unserem öffentlichen Bildungssystem geben.
Musik als ästhetische Anwendung
Für mich sind die jetzt schon vorliegenden Neuro-psycho-physiologischen
Kenntnisse ein guter Hinweis, dass wir mit der Kunstform Musik ein kulturelles
System vor uns haben, das uns ganzheitlich bildet. Das umfasst unsere
Intelligenz, entwickelt unser Gefühl und auch das motorische System
des Körpers..
Mir scheint es auch ein Zeichen, dass die Fragen, was unser Bewusstsein
ist und wie wir unser Sein schaffen und dies auch reflektieren, immer
enger in den physilogisch-psychologischen Zusammenhängen entdeckt
wird.
Ergebnisse der anthropologisch-biologischen Forschung, besonders der Neuronalwissenschaften,
lassen uns erkennen, dass wir uns kulturgeschichtlich hier Instrumente
erschaffen haben, die dies besonders gut repräsentieren.
Es sind die Künste. Sie bewegen sich ebenso in rational wie emotional
nachvollziehbaren Strukturen. Wir kommen in der Ausübung der Künste,
besonders aber in der Vermittlung, heute nicht mehr um die Frage des Bewusstseins
im zuvor geschilderten Sinn herum. Bei allem Respekt vor der Handwerklichkeit
der Künste ist heute der Blick auf die Wirkung bei den Machern wie
bei den Rezipienten gelenkt.
Für die Universitäten der Künste ist das der Anspruch,
sich mit einer anthropologischen Ästhetik auch in biologischer Hinsicht
zu beschäftigen. Wir sind gefordert, unsere Einsichten mit der eigensten
Philosophie, der Ästhetik, anzugehen.
Musikerziehung und Gesellschaft
Für die Musikerziehung heisst das, ihre Bildungsziele aus dem Wissen
um die Wirkung der Musik auf den Menschen neu zu verstehen und neu zu
definieren. Sie soll den Menschen befähigen, sich selber in der Kulturleistung
der Kunst an sich und mit sich zu sehen und zu empfinden. Dies geschieht
mit dem Verstand und mit dem Körper. Es sind seine Eindrücke
vom Leben, seine Gedanken über die Welt.
Die
Künste werden im Lern- und Wachstumsprozess Bildungserlebnisse, aber
physiologisch sind sie auch elementar bildend.
Dies ist eine Kulturleistung der Menschenbildung, die das reine Wissen
um die Musikgeschichte, musikalische Formen oder die Beherrschung eines
Instrumentes weit übersteigt. Musikerziehung kann sich nicht auf
Lernstoff reduzieren. Sie gründet auf und kreiert einen genuinen,
existentiellen Erfahrungsraum im Menschen.
Hier sehe ich die dringliche Aufgabe der demokratischen Gesellschaft und
der Kulturpolitik, aus diesen Einsichten Konsequenzen zu ziehen. Nach
der Pisa Studie dürften ohnedies die Kriterien des Lernens und der
Wissensinhalte hierzulande auf dem Prüfstand stehen. Die wichtige
Folgerung scheint mir dabei zu sein, dass wir – und aus diesem Grund
die Sorgfalt und Fülle der neurobiologischen wie soziologischen Daten
– den Erfahrungen künstlerischen Lernens bildungspolitisch
den Platz einräumen, der gleichsam kategorial soziales Miteinander,
Komplexität des Lernens und Handelns, soziale wie individuelle Kompetenz
generiert und dazu noch die Komponenten der Individualität einbezieht.
Ich
halte Erziehung in diesem Bereich für eine wesentliche Vorstufe demokratischer
Kompetenz – die Stabilität oder auch Labilität der Persönlichkeitskomponenten
sind immer die Voraussetzungen für politisches Verhalten. Zwar kann
die Kunst dieses nicht führen – und bitter lassen sich hier
die geschichtlichen Erfahrungen der Kulturnation Deutschland von 1933
bis 1945 anführen – aber doch formen und bilden.
Betrachten
wir Kunst nicht als ein besonderes Privileg einiger, dem die Demokratie
Transmissionsagentur ist, damit viele partizipieren sollten, sondern betrachten
wir Kunst als eine Sicht- und Seinsweise , für die es Kulturformen
gibt, die auch unser Miteinander und Füreinander bilden.
Es
liegt an uns, ob wir solchen Erfahrungen trauen und sie zum Allgemeingut
unserer Bildung machen, damit sie als Erfahrungs- und Entscheidungsprinzip
fördern – oder aber Kunst als den Ausnahmefall sehen, der durch
Partizipation „demokratisiert“ werden kann.
Die
Zeit wäre reif für ersteres und handfeste Daten der Anthropologie
liefern gute Argumente dafür. Es bleibt die offene Frage (und es
wäre die Konsequenz), ob Demokratie Kunst als Gestaltungsprinzip
einbeziehen will, ohne damit gleich die Kunst demokratisch zu machen.
Ebenen
der Musikwahrnehmung
Die Musikrezeption beinhaltet allerdings viele Wahrnehmungsmöglichkeiten,
die sich der sehr differenzierten Kulturpraxis Musik sehr verschieden
annähern können. Doch mählich lüftet sich das Geheimnis
der Kunstschöpfung – nicht nur durch eine Entzauberung in der
Musikästhetik, die heute sehr konzeptionell mit der eigenen Tradition
umgeht und damit für die Hörgewohnheiten der Zeitgenossen auch
völlig befremdlich werden kann - sie müssen als Laien sozusagen
in die Zukunftswerkstatt des Schöpfens schauen.
Wir
erinnern uns natürlich, dass es auch in der bildenden Kunst ebenso
nicht ohne Friktionen und Skandale abging – allerdings mit dem entscheidenden
Unterschied, dass wir hier keine so massiven biologischen Prägungen
zu berücksichtigen haben.
Es lüftet sich auch das Geheimnis des Schöpferischen der Musik
in dem Sinn, dass die Wirkung nicht numinos bleibt, sondern in der neurophysiologischen
Rezeptionsforschung beschrieben werden kann.
Es ist nicht der Fall – vor allem nicht heute beim derzeitigen Stand
der Forschung – dass die Beschreibung irgendwie ein Urteil fällen
könnte über die Ästhetik der Musik. Sie kann nur urteilen
über die körperliche Wirkung und das rezeptive Feld und über
die Disposition, auf die das Hören von Musik trifft.
Wir haben hier die Möglichkeit zu diskutieren – der Kongress
heisst Kunst und Demokratie - von einer kunstimmanenten Musikauffassung
zu einer gesellschaftlich reflektierten, also zur Einschätzung der
KULTUR DER Musik zu kommen.
Musik und Gesellschaft
Es ist aber der Fall – wir wissen es aus der Geschichte –
dass Musik natürlich immer funktionalisiert worden ist – zu
Festen, zu Aufmärschen, zum Tanz, für den Glauben – doch
können wir heute besser verstehen, auf welche physio-psychologische
Funktionen sie sich stütz und wie diese ausgelöst werden.
Kaufhausmusik,
Bahnhofsmusik, Musik in Wartezimmern, Musik beim Fussball, Musik überall
– wir können heute durch die Rezeptionssoziologie, die Entwicklungspsychologie
und die Neurobiologie die Disposition durch Musik besser verstehen.
Es ist gewiss eine beachtliche Kulturleistung, hier ein individuell generierbares
ästhetisches Produkt für die individuelle wie soziale Stimulation
geschaffen zu haben, das wie eine sehr umfängliche Sprache viele
Ebenen der Bedeutung transportiert, dennoch basal ähnlich wirkt und
damit hochgradig sozial funktioniert. |
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