Rektor a.D.

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Dr. Roland Haas

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Juni 2001

Bildung Kunst und Kontemplation
Kultur und Musik zwischen globalem Aktionismus und Pseudo-Esoterik

   
     

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

als Rektor der Universität Mozarteum mit der Abteilung Polyästhetik und Bildung im Institut für Musikwissenschaft und fächerübergreifende Forschung wie als vertraglicher Partner der Internationalen Gesellschaft für Polyästhetische Erziehung darf ich Sie hier als Repräsentant und Hausherr unserer universitären Gemeinschaft sehr herzlich zum 20. Symposion unter dem Titel Bildung Kunst und Kontemplation – Kultur und Musik zwischen globalem Aktionismus und Pseudo-Esoterik begrüßen.

Dieser Gruß gilt den Gästen in Salzburg, hier dem Vizepräsidenten Prof. Dr. Lech Kalago, den Altvizepräsidenten Prof. Dr. Hanan Bruen und Prof. Dr. Claus Thomas wie den Teilnehmern aus Japan, Spanien, England, Israel, Polen, Deutschland, Portugal, Niederlande, Bulgarien, Slowakei und Ungarn.

Dieser Gruss gilt den Gästen aus Salzburg und Österreich, die heute und bis Dienstag Teilnehmer und Zuhörer dieses Symposiums sein werden, darunter Frau Mag. Liegle, Gemeinderätin in Salzburg.Als Rektor danke ich für die Initiative zu diesem Symposium den Mitarbeitern der Universität, hier besonders und stellvertretend dem Altpräsidenten und Emeritus Prof. Dr. Wolfgang Roscher und seiner Mitarbeiterin, der Präsidentin Dr. Michaela Schwarzbauer.

Über Gruß und Dank hinaus erlauben Sie mir ein paar persönliche Worte zum Symposion und seinen Protagonisten.

Als ich mich vor etlichen Jahren anschickte, noch von Stuttgart aus, zusammen mit meinen tibetischen Partnern das World Festival of Sacred Music in die Welt zu bringen, führte mich meine Suche nach einem möglichen Platz für Europa auch nach Salzburg, die zweifellos als Musikstadt einen überragenden internationalen Ruf hat.

Es gab hier etliche Gespräche, die mich endlich nach Prag führten, auf das Forum 2000, das Prof. Elie Wiesel für den Staatspräsidenten Vaclav Havel dort ausrichtete.

Ich traf Raimondo Panikkar, sprach mit ihm über das Projekt und er verwies mich in Salzburg an Prof. Wolfgang Roscher.
So begann, ganz jenseits von irgendeiner Idee für mich an das Mozarteum eine Verbindung von den Köpfen und Herzen aus, die sich für mich mit diesem 20. Symposium dahin aktualisiert, dass Raimondo Pannikar mit uns sein wird.

Ebenso freue ich mich, über die Teilnahme von Prof. Andor Izsak aus Hannover, der seit Jahren das Europäische Zentrum für Jüdische Musik an der Musikhochschule in Hannover aufbaut und nun wieder eine erste Kantorenausbildung in Deutschland etablieren konnte.

Auch ihn lernte ich über dieses World Festival of Sacred Musik kennen und auch er ist mit uns in diesem Symposium.Nun, das Festival hat zwar inzwischen in Los Angeles, Capetown, Bangalore, Chicago, Vancouver und New York, auch in Korea stattgefunden und wird jetzt, dieser Tage in Hiroshima stattfinden, doch Salzburg hat sich als Platz für dieses Ereignis nicht ergeben.

Doch aber Berlin und Potsdam im Dezember diesen Jahres – dafür bin ich nun in Salzburg. So gehen die Lebenswege.Das Festival folgt dem Impuls des 14. Dalai Lama der Tibeter, Tenzin Gyatso, und seines Beauftragten, dem Ehrenabt Lama Doboom Tulku in Delhi, zu Beginn des neuen Millenniums ein Signal zu setzen in Form einer Einladung an die Religionen der Welt, sich in der Musik zu treffen.

Einladung, dieses Jahrtausendereignis unserer Zeitrechnung zu begehen, gab es viele, auch gute Gründe, die nicht zuletzt Samuel Huntington mit seiner Publikation „The Clash of Civilasations“ aufgezählt hatte.

Ein Blick in die Geschichte der Konflikte des zurückliegenden Jahrhunderts mahnte überdies, dass es angezeigt sein könnte, mit menschlichem Geist andere Wege zu suchen als jene, die wir aus den Geschichtsbüchern bitter erinnern müssen.Der Vertriebene ruft zu einem Dialog auf, aus einer Lage der politischen Schwäche: er macht daraus eine Tugend, nicht den Hass zu nähren, nicht auf Abgrenzung und Rache zu sinnen, sondern auch den Peinigern und Besetzern im Grunde friedlich und offen entgegenzutreten.

Er ruft zur Akzeptanz und Wertschätzung der globalen Vielfalt und der Eigenheiten auf. Auch das ist uns nicht fremd – in Salzburg erinnert man die Vertreibung der Protestanten und fast ein jeder – ich auch – kann in der eigenen Familiengeschichte die Konflikte der Theologien sehen und erinnern. Die Sehnsucht und Suche des Menschen nach Transzendenz seines eigenen materiellen Daseins, genauer seiner Wahrnehmung davon, ist geblieben.

Wer gibt ihr eine Heimstatt, Form und Ausdruck?

Wir kennen unsere Europäischen Einrichtungen, die Kirchen, die dieses seit langem tun. Unser missionarischer Eifer religiöser und politischer Art hat uns letztlich global mit vielen anderen Einrichtungen anderer Kulturen konfrontiert – Kirchen, Religionen, Bewegungen - die heute aber direkt bei uns sind und deren Konzepte wir nicht leichthin und nicht auf die alte Art behandeln können.Eine der Formen, dieser Sehnsucht Ausdruck, Tradition und Sozietät zu geben, ist immer und überall die Musik gewesen. Sie stellt selber eine Form der Transzendenz unseres normalen materiellen Daseins dar, vielleicht besser gesagt, ein anderes Sein, das sich in unserem gesellschaftlichen Wertesystem immer wieder neu einen Platz erobern muss.

Heute wissen wir sogar auch materiell besser, was Töne und Klänge in unserem System der Hirnbotenstoffe, der Hormone und der unterschiedlichen Körperzyklen bewirken, und wir verstehen neben aller Kulturgeschichte besser, warum Musik immer die zentrale „Droge“ oder das Kultische Mittel war, für Aufgaben des Gemeinschaftslebens, der individuellen wie kollektiven Gefühle, der Entrückung oder des öffentlichen Auftretens zur Verfügung zu taugen.Die Musik selber ist eine Form des Seins, einfach, weil es der Mensch gelernt hat, sich mit Ihren Mitteln zu stimulieren und in Zustände zu versetzen.

Ihr ästhetischer Apparat, so groß, wie in der Welt Musik erklingt, erlaubt uns heute jede Deklination und Konjunktion bereits vorhandener und daraus neu zu schöpfender Formen.

Ungemein groß sind die Annahmen und Beschreibungen über Sinn und Zweck dieser menschlichen Tätigkeit - je nach Kultur und Virtuosität des oder der Ausübenden.Wenn uns die globale Kommunikation soviel Überblick erlaubt, ist sicher die Frage gestatten, wie wir dieses anthropologische Phänomen der Musik und ihrer Ästhetik einordnen wollen.Ich selber verstehe diese historische Situation als eine der Relativierung ästhetischer Konzepte der Kulturen hinsichtlich der Musik und Kunst, zugleich eine Verschärfung der Erkenntnisse über das eigene kulturelle Konzept.

Unbestritten, wie eng wir unsere eigene Sozialisation an diese auch gefühlige Sprache binden – und wir können dieses gefühlige heute teils schon physio-psychologisch beschreiben.

Unbestritten, wie sehr die gefühlige Musik auch im Konfliktfall wirkt oder benutzt wird, um hier noch mehr Effekte zu erreichen. Sei es als Militärmusik aller Zeitalter oder als Selbststimulanz des physio-psychischen Apparats. Musik ist in dieser Weise benutzbar und daher im Einsatz, in der Bützung, wenn sie so wollen, auch gefährlich oder auch segensreich.

Erst der globale Blick, das weitere Konzept lässt uns hier auch die eigene Relativität erkennen.
Wir haben keine Botschaft, außer, dass wir sehen, eine Botschaft haben zu wollen.

Hier kann Einsicht wachsen. Es ist keine Einsicht etwa in die Dekonstruktion unseres Konzeptes von Musik, sondern- so finde ich – eher eine beglückende Einsicht in das anthropologische Faktum, dass es Menschen so machen, überall, weltweit.

Das kann Musik von Ideologie entlasten, der einer ontologischen ästhetischen Kritik ebenso wie einer kulturell gewachsenen ästhetischen Konzeption.

Es macht aber den Blick frei auf das, womit wir umgehen, was die Produktionen unseres Daseins sind. Im diesem Sinne war ich sehr froh, neulich in Wien in der Akademie der Wissenschaften den Aushang eines Dissertationsstipendiums zu sehen, das der Forschung galt: wie hängt die altorientalische Musiktherapie der Turk Völker mit unserer heutigen Musiktherapie zusammen.

Es hat mich sehr berührt, dass die Wissenschaftlerin von Klagenfurt nach Salzburg zu Prof. Roscher gewechselt ist, um hier diesem Thema nachzugehen.

Das ist ein Stück des Weges, den wir als Kunstuniversität zu gehen haben werden – ob wir wollen oder nicht.
Wir können uns dieser Globalität nicht verschließen, die schon dann beginnt, wenn sich ein hiesiger Instrumentallehrer mit der Frage auseinandersetzen muss, wie seine südkoreanische Schülerin eigentlich ein Schubertlied verstehen kann, um es später einmal interpretieren zu können.

Wir sind schon mitten drin in der kulturellen Reflektion der Kunst, die im übrigen die Künstler immer beschäftigt hat, nehmen sie nur einen Blick in die europäische Malereigeschichte des vergangenen Jahrhunderts.Nur dieser Blick, nur diese Haltung führt uns weg von den tumben missionarischen Behauptungen der eigenen Kulturbotschaft in der Musik, nur dieser Blick macht uns zugleich genauer im Blick auf die eigenen Kulturbotschaften der Musik.

Er öffnet uns für die Vielfalt globaler Anthropologie und Kosmologie, auch in den Sprachformen des ästhetischen. In diesem Sinne wünsche ich dem Symposium eine ebenso gut wissenschaftliche wie künstlerische Erkenntnisarbeit, ebenso eine Arbeit, die uns mit dem andersartigen versöhnt und uns in humaner Einsichtsfähigkeit friedlicher macht, dem befürchteten Clash of Civilsations tätig entgegenzutreten – in unserer Kultur ebenso wie auch draußen.

So ist auch dieses Symposium hoffentlich ein Beitrag zur Kulturarbeit des neuen Millenniums.

Ich wünsche Ihnen dazu alles erdenklich Gute und Fruchtbare.