Rektor a.D.

Geschäftsführer der SANOSON GmbH

Präsident der I.M.A.R.A.A.

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Dr. Roland Haas

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Kunstausbildung und Musiktherapie

   
     

Musik – „Kunstgattung, deren Ausgangspunkt und Selbstzweck im Klang liegt“

Schon diese Definition aus Sauters Musiklexikon lässt leicht weiterfragen, woher denn dieser Ausgangspunkt zum Selbstzweck wird.

Dann sind wir ganz schnell bei der Umweltwahrnehmung, vielleicht sogar Revierabgrenzung, in der Biologie des Menschen beim Amygdala System und den notwenigen Reaktionen auf den akustisch erfassbaren Raum, die vermutlich überlebensnotwenig waren und sind. Die Atemfrequenz regelt die Energieversorgung des Systems, insbesondere im Raumverhalten: Stehen, Laufen, Rennen.

Das System schätzt sie noch immer so ein. Noch immer erreicht uns der Klang unabweisbar intensiv, jeder Filmmusiker weiß das, wenn er mit Musik den Bildern Leben gibt: Spannung, Gefahr Freude entstehen so beim Betrachter und Hörer.

Da wird der Puls mit Tremoli und Staccati gejagt, Tonscalen und Tonfärbungen von Instrumente stehen unheimlich oder klar, mutig oder verzagt.
Ein ganzes Orchester der Empfindungen ist da vorhanden, nur in einer Kultur, wie viele weltweit.

Tonkunst zielte darauf. Anlässe gab es tausende, vom Arbeiten zum Tanzen und Hören. Aber nie sollte es nichts bewirken – immer wollte Musik im Menschen bewegen, den Mensch bewegen. Transzendent, sozial und individuell.

Es ist die Ebene der Abbildung oder hier akustisch: der Incorporation, auf der sich der Mensch mit seinem Wahrnehmungsraum nochmals neu, künstlich-künstlerisch erschafft. Wenngleich Bilder unsere Wahrnehmung dominieren; der Raum, den unsere Vorstellung von uns in uns kreiert, ist akustisch.

Damit kultiviert sich der Mensch selber und es ist heute an der Biologie, in der Zellforschung, der Neurobiologie oder auch der Biochemie, darzustellen, wie diese Kulturation physiologisch aussieht.

Die Spintomographen liefern uns die Nachweise, welche Hirn Areale aktiviert sind, wenn wir Musik hören oder machen, die EEG Messungen zeigen uns elektrische Widerspieglung, die sich mit Vergleichsmessungen anderen menschlichen Tuns oder Verhaltens korrelieren lassen.

Dieses Wissen schien Herbert von Karajan so interessant, dass er in Salzburg jährlich zu den Pfingstfestspielen Ergebnisse von Untersuchungen präsentierte und Wissenschaftler einlud, ihre Forschungen einzubringen oder zu kommentieren.
Karajan stellte sich als Dirigent und Musiker selber zur Verfügung, um herauszufinden, wie die Beschäftigung mit klassischer europäischer Musik auf Psyche und Physis wirkt.

Denn dass sie ohne Wirkung bliebe, dem widerspricht jede Alltagserfahrung mit gesunden Menschen, aber auch alle Somaforschung.
Obendrein schlussfolgert jede Anamnese von der Psyche in die Physis.

Die Placeboforschung führt weitere Aspekte und Erkenntnisse hinzu, wenn sie die Wahrnehmungen immaterieller Stimulation mit physiologischen Folgen darstellt und uns erkennen lässt, welche Potentiale der ideellen/psychischen Eigenregulation (meist unbewusst) vorhanden sind.

Wir haben als also mit verschiedenen Strängen zu tun, die hier zusammen gesehen werden sollten, wenn wir die Wirkung von Musik untersuchen: eine wie auch immer geartete Fähigkeit des Menschen zur Imagination oder Inkorporation (neurobiologisch), dann die psycho-physiologische Eigenregulation eines jeden und drittens akzeptierte Kulturträger der Stimulation (beispielsweise Musik).
Es ist jeweils eine lange und wohl auch unterschiedliche Kulturgeschichte, die Kulturträger definiert.

Dazu als Beispiel zwei kulturgeschichtliche Auffassungen von Musik.

Die Vorstellung harmonikaler Weltgesetze und die mathematische Definition musikalischer Mittel (Ton, Takt) haben in der europäischen aber auch chinesischen Geistesgeschichte Musik lange zur Projektionsfläche der Zusammenhänge von „oben“ und „unten“ werden lassen.
Sternenkunde und Musik waren sich ganz nah.

Die Brücke aber war die mathematisch/geometrische Konzeption. Auch für die Musik – so wird sie als Hochkultur zur Plattform Gottes und mit der Renaissance zur Erscheinung der antiken Götter.

Die Emotionalisierung (oder Individualisierung) der Musik seit der Klassik und die Akzeptanz der Psychoanalyse mit der Theorie des Unbewussten brachten die Musik dann in die Rolle, Trägerin kollektiver Gefühle, einer Art transsubjektiver Horizont zu sein.
Dies ist auch ein Kultivierungsprozess, dem – aus europäischem Blick – durch die Weltkommunikation heute ebenso die japanische Kultur wie auch die chinesische zustimmt.

An der medialen Karriere des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker lässt sich die globale Genese eines neuen Neujahrsrituals mit Musik erleben – aber wir erleben auch die interkulturelle Akzeptanz gekoppelt mit kollektiven und individuellen Gefühlen.
Dieser Prozess schreitet fort und ist aus der medial weltweit verbreiteten Pop Musik schon lange bekannt.

Gerade hier scheint die Kunst in der Ästhetik wir auch performance selber die beste Repräsentantin der Gesamtsicht zu sein, denn sie ruft in Wort, Ton, Bild und Bewegung nichts weniger als die gesamte Bezüglichkeit auf.
Da diese horizontal (Sein jetzt) und vertikal (vergangenes Sein) ja, womöglich auch noch transzendental (mögliches Sein) ist, übersteigt sie sogar noch den realen Wahrnehmungsrahmen unserer Existenz. In diesem Sinn ist Kunstausbildung eigentlich eine ebenso reale wie abstrakte Schulung höchster Komplexität möglicher Existenz, die wirkliche, vergangene und imaginaire einbezieht. D

aher ist es eigentlich nicht verwunderlich, wenn Neurobiologen der Kunst das Primat komplexer Beschäftigung zubilligen. Allerdings hat die Kunstausbildung diese Position noch nicht ergriffen und sie weder als Chance und noch als Auftrag in ästhetische–pädagogische Lehre umgesetzt.

Es gibt also kulturgeschichtlich genug Gründe, dem Gedanken anzuhängen, dass es wirkende geistesgeschichtliche Bezüge zwischen Musik und dem Menschen gibt – darüber hinaus verstärken Psychologie wie auch medizinisch-alternative Strategien für Heilungsprozesse die Zuschreibung.

Hat die wissenschaftliche Medizin des Westens in der Gestaltung des Heilungsprozesses womöglich die emotionalen und sozialen Komponenten außer Acht gelassen oder nicht fokussiert, weil sie auf andere Strategien setzte, so kommen diese unter globalen Sichtweisen, die aber auch Verwandtes aus der eigenen Kulturgeschichte wieder fördern, heute stärker in die Diskussion.

Doch bietet nun die Naturwissenschaft selber mit neuen Einsichten in die Zellbiologie und insbesondere die Neurobiologie die Möglichkeit, die wirkenden Bezüge zwischen der Psycho-Physiologie des Menschen und seinem Kulturprodukt Musik in den Blick zu nehmen und zu untersuchen.

Auch die Musiktheorie selber ist von normativen Setzungen zu differenzierten Beschreibungen des Phänomens Musik übergegangen. Auch eine Konsequenz aus Moderne und Globalität. Das lässt eine offenere Terminologie von beiden Seiten für einen Diskurs erwarten.

Im Forschungsbetrieb geht es für Fragestellungen dieser Wechselwirkung nur langsam voran, denn Musik gilt als gattungsgeschichtliche Kunst oder als Freizeitgeschäft – philosophische oder anthropologische Wertschätzung sind gesellschaftlich schon lange nicht mehr vorhanden.

Grundlagenforschung wäre dringend notwendig – einerseits anthropologisch/musikwissenschaftliche, andererseits anthropologisch/naturwissenschaftliche. Kunst- und Musikuniversitäten haben ihre Arbeitsgebiete und Zukunftsaufgaben hier noch nicht erkannt.

In den Naturwissenschaften, hier Biologie und Medizin, wird vorrangig in die physiologische Erforschung von Krankheiten und deren vermutete Gründe investiert (Beispiele: Krebs und Genforschung, Schmerz und Gehirnforschung). Klinische Forschung ist mehr pharmazeutisch oder medizinisch orientiert, geisteswissenschaftliche Forschung leidet noch immer unter ihrer naturwissenschaftlichen Ferne.

Allerdings gibt einige Ansätze in der Erforschung der Rolle der Musik im Psycho-Physiologischen Prozess, die evidence based ausgerichtet sind.

Über den Nachweis hinaus, wie Musiktätigkeit des Menschen gehirnphysiologische Präsenz hat (Harrer, Petsche, Bierbaumer, Elbert, Altenmüller) ist für Fragen der Musiktherapie aber entscheidend herauszufinden, welche Musik wirkt, wie, wann und warum.

Um nicht in der Vielzahl der Gründe zu ersticken, sind zum einen die Grundparameter der Wirkung zu definieren und diese in beiden Gebieten der Physiologie des Menschen wie der Struktur der Musik auszumachen.

Hier dürften Begriffe wie Frequenz und Rhythmus bedeutungsvoll werden, wie sie sich einerseits in der Musik- und Bewegungsforschung, dann aber auch in der Neurobiologie, der Zellbiologie oder der Medizin finden lassen. Das ist daher wichtig, um nicht unnötig in eine Reduktion der künstlerischen Form zu gehen.

Schließlich stehen wir vor einer ganzen Kulturgeschichte, ja, Kulturgeschichten, die mit dieser Wechselwirkung Mensch und Musik gearbeitet haben. In der kulturellen Form, der vielfachsten ästhetischen Variation, gilt es herauszufinden, was uns auf welchem Niveau künstlerischer Form anspricht.
Das lässt sich historisch, soziologisch und psychologisch definieren, doch bei medizinischer oder pädagogischer Anwendung braucht es klare Nachweise aus der Psycho-Physiologie.

Die Arbeitsgruppe um Hans Ullrich Balzer an der Universität Mozarteum hat sich seit 2001 auf den Weg gemacht, diese Parameter der Wirkung auszuloten, zu untersuchen und anzuwenden. Erwartungsgemäß ist der analytische Apparat von hoher Logistik und zeitaufwendig, Dr. Balzers Herkunft aus der Schlaf- und Stressforschung der Charité in Berlin und seine Ausbildung als Physiker brachte aber ausreichend Voraussetzung mit, hier einen fruchtbaren Ansatz auch in einem uneingespielten „Verband“ dreier Universitäten und einer Fachhochschule in Salzburg zu verfolgen. Es ist ein Team mit überwiegend Doktoranten entstanden, das die Logistik versteht und die Thematik ausweitet.

Durch die Gründung der IMARAA (International Music and Art Research Association Austria) sind Partner in Österreich hinzugekommen. Die vorliegenden Studien der Arbeitsgruppe beziehen sich auf Zeitreihenanalysen vegetativer Funktionen des Organismus unter der Wirkung von Musik und der Analyse musikalischer Strukturen selbst, pädagogisch auf die Musik- und Bewegungserziehung hinsichtlich Konzentration und Entspannung im Schulunterricht (Polen und Niederösterreich), künstlerisch auf den Spielvorgang bei Instrumentalisten wie Therapiekonzepte (Tomatis) und durch Studien der Forschungsgruppe Max Moser auch im Bereich der Arbeitsmedizin, medizinisch auf Trauma, Kardiologie, Schmerz und Neurologie, soziologisch auf Pflegewissenschaften (Krankenhaus)

Eine Veröffentlichung im Frühjahr 2006 wird diese „Musikwirkungsforschung in Österreich“ ausführlich darstellen (Information www.roland-haas.com), für Oktober 2006 (1.-4.) ist der Kongress „Mozart&Science“ in Vorbereitung, der vordergründig den sog. „Mozart Effekt“ aufgreift (Prof. Francis Rauscher hat als Referentin zugesagt) hintergründig aber die hier aufgeführten Fragen der Musikwirkung für die Kunst selber, die Medizin und in der Pädagogik verfolgt.

Zwei anschließende Tage bieten die Möglichkeit, an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien Fortbildungsveranstaltung zu besuchen. Informationen dazu unter www.mozart-science.at