| Musik
– „Kunstgattung, deren Ausgangspunkt und Selbstzweck im Klang
liegt“
Schon diese Definition aus Sauters Musiklexikon lässt leicht weiterfragen,
woher denn dieser Ausgangspunkt zum Selbstzweck wird.
Dann
sind wir ganz schnell bei der Umweltwahrnehmung, vielleicht sogar Revierabgrenzung,
in der Biologie des Menschen beim Amygdala System und den notwenigen Reaktionen
auf den akustisch erfassbaren Raum, die vermutlich überlebensnotwenig
waren und sind. Die Atemfrequenz regelt die Energieversorgung des Systems,
insbesondere im Raumverhalten: Stehen, Laufen, Rennen.
Das System schätzt sie noch immer so ein. Noch immer erreicht uns
der Klang unabweisbar intensiv, jeder Filmmusiker weiß das, wenn
er mit Musik den Bildern Leben gibt: Spannung, Gefahr Freude entstehen
so beim Betrachter und Hörer.
Da
wird der Puls mit Tremoli und Staccati gejagt, Tonscalen und Tonfärbungen
von Instrumente stehen unheimlich oder klar, mutig oder verzagt.
Ein ganzes Orchester der Empfindungen ist da vorhanden, nur in einer Kultur,
wie viele weltweit.
Tonkunst zielte darauf. Anlässe gab es tausende, vom Arbeiten zum
Tanzen und Hören. Aber nie sollte es nichts bewirken – immer
wollte Musik im Menschen bewegen, den Mensch bewegen. Transzendent, sozial
und individuell.
Es
ist die Ebene der Abbildung oder hier akustisch: der Incorporation, auf
der sich der Mensch mit seinem Wahrnehmungsraum nochmals neu, künstlich-künstlerisch
erschafft. Wenngleich Bilder unsere Wahrnehmung dominieren; der Raum,
den unsere Vorstellung von uns in uns kreiert, ist akustisch.
Damit kultiviert sich der Mensch selber und es ist heute an der Biologie,
in der Zellforschung, der Neurobiologie oder auch der Biochemie, darzustellen,
wie diese Kulturation physiologisch aussieht.
Die
Spintomographen liefern uns die Nachweise, welche Hirn Areale aktiviert
sind, wenn wir Musik hören oder machen, die EEG Messungen zeigen
uns elektrische Widerspieglung, die sich mit Vergleichsmessungen anderen
menschlichen Tuns oder Verhaltens korrelieren lassen.
Dieses
Wissen schien Herbert von Karajan so interessant, dass er in Salzburg
jährlich zu den Pfingstfestspielen Ergebnisse von Untersuchungen
präsentierte und Wissenschaftler einlud, ihre Forschungen einzubringen
oder zu kommentieren.
Karajan stellte sich als Dirigent und Musiker selber zur Verfügung,
um herauszufinden, wie die Beschäftigung mit klassischer europäischer
Musik auf Psyche und Physis wirkt.
Denn dass sie ohne Wirkung bliebe, dem widerspricht jede Alltagserfahrung
mit gesunden Menschen, aber auch alle Somaforschung.
Obendrein schlussfolgert jede Anamnese von der Psyche in die Physis.
Die
Placeboforschung führt weitere Aspekte und Erkenntnisse hinzu, wenn
sie die Wahrnehmungen immaterieller Stimulation mit physiologischen Folgen
darstellt und uns erkennen lässt, welche Potentiale der ideellen/psychischen
Eigenregulation (meist unbewusst) vorhanden sind.
Wir haben als also mit verschiedenen Strängen zu tun, die hier zusammen
gesehen werden sollten, wenn wir die Wirkung von Musik untersuchen: eine
wie auch immer geartete Fähigkeit des Menschen zur Imagination oder
Inkorporation (neurobiologisch), dann die psycho-physiologische Eigenregulation
eines jeden und drittens akzeptierte Kulturträger der Stimulation
(beispielsweise Musik).
Es ist jeweils eine lange und wohl auch unterschiedliche Kulturgeschichte,
die Kulturträger definiert.
Dazu als Beispiel zwei kulturgeschichtliche Auffassungen von Musik.
Die Vorstellung harmonikaler Weltgesetze und die mathematische Definition
musikalischer Mittel (Ton, Takt) haben in der europäischen aber auch
chinesischen Geistesgeschichte Musik lange zur Projektionsfläche
der Zusammenhänge von „oben“ und „unten“
werden lassen.
Sternenkunde und Musik waren sich ganz nah.
Die
Brücke aber war die mathematisch/geometrische Konzeption. Auch für
die Musik – so wird sie als Hochkultur zur Plattform Gottes und
mit der Renaissance zur Erscheinung der antiken Götter.
Die Emotionalisierung (oder Individualisierung) der Musik seit der Klassik
und die Akzeptanz der Psychoanalyse mit der Theorie des Unbewussten brachten
die Musik dann in die Rolle, Trägerin kollektiver Gefühle, einer
Art transsubjektiver Horizont zu sein.
Dies ist auch ein Kultivierungsprozess, dem – aus europäischem
Blick – durch die Weltkommunikation heute ebenso die japanische
Kultur wie auch die chinesische zustimmt.
An
der medialen Karriere des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker
lässt sich die globale Genese eines neuen Neujahrsrituals mit Musik
erleben – aber wir erleben auch die interkulturelle Akzeptanz gekoppelt
mit kollektiven und individuellen Gefühlen.
Dieser Prozess schreitet fort und ist aus der medial weltweit verbreiteten
Pop Musik schon lange bekannt.
Gerade hier scheint die Kunst in der Ästhetik wir auch performance
selber die beste Repräsentantin der Gesamtsicht zu sein, denn sie
ruft in Wort, Ton, Bild und Bewegung nichts weniger als die gesamte Bezüglichkeit
auf.
Da diese horizontal (Sein jetzt) und vertikal (vergangenes Sein) ja, womöglich
auch noch transzendental (mögliches Sein) ist, übersteigt sie
sogar noch den realen Wahrnehmungsrahmen unserer Existenz. In diesem Sinn
ist Kunstausbildung eigentlich eine ebenso reale wie abstrakte Schulung
höchster Komplexität möglicher Existenz, die wirkliche,
vergangene und imaginaire einbezieht. D
aher
ist es eigentlich nicht verwunderlich, wenn Neurobiologen der Kunst das
Primat komplexer Beschäftigung zubilligen. Allerdings hat die Kunstausbildung
diese Position noch nicht ergriffen und sie weder als Chance und noch
als Auftrag in ästhetische–pädagogische Lehre umgesetzt.
Es gibt also kulturgeschichtlich genug Gründe, dem Gedanken anzuhängen,
dass es wirkende geistesgeschichtliche Bezüge zwischen Musik und
dem Menschen gibt – darüber hinaus verstärken Psychologie
wie auch medizinisch-alternative Strategien für Heilungsprozesse
die Zuschreibung.
Hat
die wissenschaftliche Medizin des Westens in der Gestaltung des Heilungsprozesses
womöglich die emotionalen und sozialen Komponenten außer Acht
gelassen oder nicht fokussiert, weil sie auf andere Strategien setzte,
so kommen diese unter globalen Sichtweisen, die aber auch Verwandtes aus
der eigenen Kulturgeschichte wieder fördern, heute stärker in
die Diskussion.
Doch bietet nun die Naturwissenschaft selber mit neuen Einsichten in die
Zellbiologie und insbesondere die Neurobiologie die Möglichkeit,
die wirkenden Bezüge zwischen der Psycho-Physiologie des Menschen
und seinem Kulturprodukt Musik in den Blick zu nehmen und zu untersuchen.
Auch
die Musiktheorie selber ist von normativen Setzungen zu differenzierten
Beschreibungen des Phänomens Musik übergegangen. Auch eine Konsequenz
aus Moderne und Globalität. Das lässt eine offenere Terminologie
von beiden Seiten für einen Diskurs erwarten.
Im
Forschungsbetrieb geht es für Fragestellungen dieser Wechselwirkung
nur langsam voran, denn Musik gilt als gattungsgeschichtliche Kunst oder
als Freizeitgeschäft – philosophische oder anthropologische
Wertschätzung sind gesellschaftlich schon lange nicht mehr vorhanden.
Grundlagenforschung wäre dringend notwendig – einerseits anthropologisch/musikwissenschaftliche,
andererseits anthropologisch/naturwissenschaftliche. Kunst- und Musikuniversitäten
haben ihre Arbeitsgebiete und Zukunftsaufgaben hier noch nicht erkannt.
In den Naturwissenschaften, hier Biologie und Medizin, wird vorrangig
in die physiologische Erforschung von Krankheiten und deren vermutete
Gründe investiert (Beispiele: Krebs und Genforschung, Schmerz und
Gehirnforschung). Klinische Forschung ist mehr pharmazeutisch oder medizinisch
orientiert, geisteswissenschaftliche Forschung leidet noch immer unter
ihrer naturwissenschaftlichen Ferne.
Allerdings gibt einige Ansätze in der Erforschung der Rolle der Musik
im Psycho-Physiologischen Prozess, die evidence based ausgerichtet sind.
Über den Nachweis hinaus, wie Musiktätigkeit des Menschen gehirnphysiologische
Präsenz hat (Harrer, Petsche, Bierbaumer, Elbert, Altenmüller)
ist für Fragen der Musiktherapie aber entscheidend herauszufinden,
welche Musik wirkt, wie, wann und warum.
Um nicht in der Vielzahl der Gründe zu ersticken, sind zum einen
die Grundparameter der Wirkung zu definieren und diese in beiden Gebieten
der Physiologie des Menschen wie der Struktur der Musik auszumachen.
Hier
dürften Begriffe wie Frequenz und Rhythmus bedeutungsvoll werden,
wie sie sich einerseits in der Musik- und Bewegungsforschung, dann aber
auch in der Neurobiologie, der Zellbiologie oder der Medizin finden lassen.
Das ist daher wichtig, um nicht unnötig in eine Reduktion der künstlerischen
Form zu gehen.
Schließlich
stehen wir vor einer ganzen Kulturgeschichte, ja, Kulturgeschichten, die
mit dieser Wechselwirkung Mensch und Musik gearbeitet haben. In der kulturellen
Form, der vielfachsten ästhetischen Variation, gilt es herauszufinden,
was uns auf welchem Niveau künstlerischer Form anspricht.
Das lässt sich historisch, soziologisch und psychologisch definieren,
doch bei medizinischer oder pädagogischer Anwendung braucht es klare
Nachweise aus der Psycho-Physiologie.
Die Arbeitsgruppe um Hans Ullrich Balzer an der Universität Mozarteum
hat sich seit 2001 auf den Weg gemacht, diese Parameter der Wirkung auszuloten,
zu untersuchen und anzuwenden. Erwartungsgemäß ist der analytische
Apparat von hoher Logistik und zeitaufwendig, Dr. Balzers Herkunft aus
der Schlaf- und Stressforschung der Charité in Berlin und seine
Ausbildung als Physiker brachte aber ausreichend Voraussetzung mit, hier
einen fruchtbaren Ansatz auch in einem uneingespielten „Verband“
dreier Universitäten und einer Fachhochschule in Salzburg zu verfolgen.
Es ist ein Team mit überwiegend Doktoranten entstanden, das die Logistik
versteht und die Thematik ausweitet.
Durch die Gründung der IMARAA
(International Music and Art Research Association Austria)
sind Partner in Österreich hinzugekommen. Die vorliegenden
Studien der Arbeitsgruppe beziehen sich auf Zeitreihenanalysen vegetativer
Funktionen des Organismus unter der Wirkung von Musik und der Analyse
musikalischer Strukturen selbst, pädagogisch auf die Musik- und Bewegungserziehung
hinsichtlich Konzentration und Entspannung im Schulunterricht (Polen und
Niederösterreich), künstlerisch auf den Spielvorgang bei Instrumentalisten
wie Therapiekonzepte (Tomatis) und durch Studien der Forschungsgruppe
Max Moser auch im Bereich der Arbeitsmedizin, medizinisch auf Trauma,
Kardiologie, Schmerz und Neurologie, soziologisch auf Pflegewissenschaften
(Krankenhaus)
Eine Veröffentlichung
im Frühjahr 2006 wird diese „Musikwirkungsforschung in Österreich“
ausführlich darstellen (Information www.roland-haas.com), für
Oktober 2006 (1.-4.) ist der Kongress
„Mozart&Science“ in Vorbereitung, der vordergründig
den sog. „Mozart Effekt“ aufgreift (Prof. Francis Rauscher
hat als Referentin zugesagt) hintergründig aber die hier aufgeführten
Fragen der Musikwirkung für die Kunst selber, die Medizin und in
der Pädagogik verfolgt.
Zwei anschließende
Tage bieten die Möglichkeit, an der Universität für Musik
und Darstellende Kunst Wien Fortbildungsveranstaltung zu besuchen. Informationen
dazu unter www.mozart-science.at
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