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Dr. Roland Haas

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Der Mozart Effekt

   
     

Ausgerechnet ein Schüler der berühmten Lehrerin der Modernen Musik in Paris, Nadja Boulanger, hat ihn berühmt gemacht. Das Buch des Amerikaners Don Campbell „ The Mozart Effect“ wurde 1997 zum Bestseller in den USA. Es verbreitete fortan die Trade-Mark „Mozart Effect“.

„Bestimmte Klänge, Töne und Rhythmen, besonders die Musik von Mozart, Gregorianische Gesänge, bestimmter Jazz, New Age Musik, Latin, Pop Musik und Rock könnten die Gehirnleistung stärken, Kreativität fördern und - wunderbar genug – sogar den Körper heilen. Diese bemerkenswerte Eigenschaft nennt man „den Mozart-Effekt“ – so stellen es Verlag und Autor dar.

Seitdem gibt es in den USA eine ganze Mozart-Effekt Industrie, mit Mozart-Effekt-Musik, Mozart-Effekt-Büchern für Erwachsene wie für Kinder, Mozart-Effekt-Seminaren. Der Gouverneur von Colorado, USA, verschenkt an jede werdende Mutter eine entsprechende Mozart-Effekt CD.

Inzwischen sind neun Jahre vergangen. Seit vier Jahren boomen in Europa Studien und Zeitschriftenartikel zum „Mozart-Effekt“. Aber hier ist damit seriöse Forschung gemeint. Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass nicht in einer führenden Zeitschrift oder Tageszeitung Europas - nicht vom Feuilleton, sondern von der Wissenschaftsredaktion - über Musik geschrieben wird. Weltweit sind 150 Einrichtungen damit beschäftigt, die Wirkung von Musik über den Konzertsaal hinaus zu untersuchen oder damit zu arbeiten.

Untersuchungen im Versuchslabor ebenso wie in Schulklassen, Sounddesigner für Werbung ebenso wie Forscher in Max Planck Instituten, Musikwirkungsforschung an Musikern ebenso wie Musiktherapeuten in Krankenhäusern.

Begonnen hat alles in Irvine an der Universität von Kalifornien. Professor Gordon Shaw und seine Assistentin Frances Rauscher untersuchten 1993 mit einem Standard Test die IQs von Studierenden. Sie sollten sich vorstellen, wie unterschiedlich gefaltetes und eingeschnittenes Papier aussieht, wenn man es auffaltet. Dazu hörte sich eine Teilgruppe der Studierenden Musik von Mozart aus Lautsprechern an, den ersten Satz der Sonate in D-Dur für zwei Klaviere (KV 488), 1984 eingespielt von Radu Lupu und Murray Perhia.

Die Ergebnisse verblüfften, doch die Wissenschaftler waren vorsichtig mit der Aussage. Studierende, die diese Musik hörten, konnten im Unterschied zu denen, die keine oder andere Musik hörten, kurzfristig ihre IQ Leistungen um einige Punkte verbessern. Vom „Mozart-Effekt“ war nicht die Rede. Spätere Versuche, auch von Teams anderer Universitäten, konnten die Ergebnisse des Tests nicht wiederholen.

Umso erstaunlicher, dass Journalisten aufgrund des wissenschaftlichen Berichts, den Shaw und Rauscher 1993 in „Nature“ veröffentlichten, formulierten: „Mozart macht intelligenter.“ Diese Nachricht ist fast überall - weltweit - positiv aufgegriffen worden. Die Wissenschaftler Shaw und Rauscher fanden das eher peinlich.

Doch wie die Durchschlagkraft dieser Schlagzeile zeigt, lag in Sachen Musikrezeption mehr in der Luft, als nur über die 5000ste Mozart-Einspielung zu berichten oder von neuen Formen des IQ-Tests zu sprechen.
Diese Botschaft traf ins Schwarze.

In den USA war The Decade of the Brain in vollem Gange. Neue Methoden der Hirnuntersuchung und Bilder der Magnetenzephalographie faszinierten die Welt. Nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen um Ideen, nach Schädeltheorien der Wissenschaft und Hirnvolumenbestimmungen, war es gelungen in die „Cogito ergo sum“-Region des Menschen vorzudringen. Querschnitt um Querschnitt, Bild und Bild: Man sah das Hirn arbeiten, bevor der Mensch überhaupt seinen Willen äußern konnte. Sofort begannen die Debatten über die Seele, den Geist, die Synapsenstruktur und das Bewusstsein. Biologie und Medizin hatten die Domäne der Philosophie und Theologie am zentralen Ort aufgestoßen und formulierten Existenzfragen des Menschen.

Auch die etablierte IQ Forschung Amerikas musste sich anderen Werten stellen: soziale Intelligenz und emotionale Intelligenz (Daniel Goleman) kamen in die Diskussion, Kreativität wurde nachgefragt. Der New Yorker Arzt Oliver Sacks schrieb Bücher über Menschen mit Hirnschädigungen – und sie wurden zu Bestsellern. Paul Watzlawick (USA), Vater der Neokonstruktivisten und Systemtheoretiker, bestach mit Beobachtungen um die individuelle Wahrnehmungsproblematik. Chronobiologen und Immunologen untersuchten Hormonausschüttung und deren Zyklen als Grundlagen unserer Gefühle.

Das Zeitalter des Anything goes am Ende der 90er Jahre brachte nicht nur Beliebigkeit. Es stellte auch neue Konzepte der menschlichen Persönlichkeit vor. Erstaunlich genug – ausgerechnet das Gehirn erwies sich dabei als letzte terra incognita des Menschen.

Die Musikbotschaft „Mozart makes you smarter“ kam nach dem Höhepunkt des gleichsam industriellen, globalen Klassikmusikbooms wie eine zündende Idee. Musik macht etwas Erkennbares, Nachvollziehbares mit der Person, die sie hört. „Klassik“ ist jetzt nicht nur das Ritual des Konzertsaals aus dem letzten Jahrhundert, nicht nur der Starkult bei immer gleicher Musik, nicht nur Musik zum Bankett.

Musik hat damit wieder direkten Bezug zum Hörer, sie zeigt Wirkung. Sie wird Begleiter, verbindet, erzeugt Gefühle, entspannt oder strengt an, ist dem Hörer nahe. Der persönliche kulturelle Wert der Musik wird wieder entdeckt - auch für die Klassische Musik. Sie ist nichts, was nur Orchester, Opernhäuser, Rundfunkanstalten oder Record-Companies verwalten.

In allen Jahrhunderten haben Philosophen fast aller Kulturen harmonikale Gesetze formuliert. Sie zeigten die musikalische Struktur der Ordnung von Kosmos, Natur und Mensch. Politiker erließen Vorschriften über den Gebrauch – als König von Frankreich oder Kaiser von China. Platon, Phythagoras, Kepler waren europäische Denker der formenden Kraft Musik. Chinas Fünf-Elemente-Lehre, Indiens Nada-Brahma-Lehre, die Makam-Prinzipien der Persischen und Türkischen Musik, selbst die Trommeln der Schamanen: sie alle überhöhten diese Schöpfung des Menschen als Ordnung der Welt und des Kosmos. Apotheosen des Orpheus zu Apoll.

Das schien verloren. Doch heute kommt die „Transzendenz der Musik“ über die Wissenschaft. Sie bestätigt, was wir alle längst vermuten und die Altvorderen berichtet haben. Musik ist nicht nur Kaufware in immer neuen Designs, Aufnahmen und Präsentationen. Sie ist nicht das Kleiderzeremoniell der Orchester oder des Zuschauer.

Die Wissenschaft entdeckt heute neue Qualitäten und Bedeutung von Musik. Forscher in Krankenhäusern haben zu untersuchen begonnen, wie Musik zur Heilung beitragen kann. Wissenschaftler in Laboren haben die unterschiedlichen Wirkungen von Musik auf die Zellen getestet. Pädagogen und Psychologien haben im Bereich der Neurokognition, Entwicklungspsychologie und Verhaltensforschung in Kinder- und Klassenzimmern die Spur aufgenommen.

Was macht Musik mit dem Menschen? Diese Frage interessiert jeden von uns, der hören und spielen will. Je umfangreicher sie beantwortet werden kann, desto kostbarer wird die Musik für uns.

Der sog. „Mozart-Effekt“ hat viele Studien weltweit angeregt. Sie zeigen, wie Musik auf Alzheimer- und Parkinson-Patienten wirkt, wie Trauma-Patienten auf Musik reagieren und wie Musik (praktizierte) die Gehirnentwicklung bei Kindern und Älteren beeinflusst. Ebenso zeigen sie Blutdruckeffekte bei Musiktherapie, zeigen positive Verhaltensänderungen bei Kindern, zeigen, wie das Gehirn auf Musikmustererkennung programmiert ist, wie sich Mütter und Babies über Satzmelodien verständigen oder auch Kinder Musik wieder erkennen, die sie als Ungeborene gehört haben.

Forscher entdecken damit unser inniges Leben mit dem Phänomen Musik neu. Sie formulieren neue Nützlichkeiten des Hörens. Damit geben sie Pädagogen und Eltern neue Vorstellungen davon, was es bedeutet, Musik zu machen oder Musik zu hören. Eine machtvolle Erfindung der menschlichen Kultur wird dechiffriert, nicht nur für Musiker, sondern für jedermann. V

iele Phänomene zeigen, dass es an der Zeit ist, dieses Wissen um Musik als Bedürfnis der Menschen wieder wahrzunehmen. Publikums-Filmerfolge wie „Sa som i Himmelen“ (Kay Pollak, 2004) oder „Rhythm Is It“ (Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch, 2003) sind Beispiele dafür, aber auch Musiker wie Kent Nagano, Daniel Barenboim oder Sir Simon Rattle signalisieren mit ihren Musik- und Sozialprojekten, dass selbst Klassische Musik wieder ein direktes Erlebnis werden kann (und muss). Nicht zuletzt ist die langjährige Debatte über den Mozart-Effekt selber ein Beispiel.

I.M.A.R.A.A. – International Music and Art Research Association Austria – ist 2003 in Wien gegründet worden, um den Gedanken der Musikwirkungsforschung in Österreich wieder aufleben zu lassen. I.M.A.R.A.A. lädt vom 1.-4. Oktober im Mozartjahr 2006 vierzig internationale Forscher zum interdisziplinären Dialog „Mozart&Science“ nach Baden bei Wien ein. Das Land Niederösterreich, institutionelle wie private Partner und die Niederösterreichische Landesakademie ermöglichen finanziell und organisatorisch diesen internationalen Kongress.

Johann Sebastian Bach komponierte Musik für die „Recreation“ des Menschen – doch heute wird durch Forschung erst deutlich, warum sie so empfunden werden kann. Die Beziehung von Mensch und Musik wird im Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst neu erkundet und bereichert. Was bedeutet das neue, genauere Wissen für die Erziehung, was für die Heilung, was bedeutet es für die Musikschaffenden selber? Welche kulturelle Funktion kann E-Musik heute erfüllen?

Es ist es an der Zeit, die Erkenntnisse einzelner wissenschaftlicher Disziplinen zusammenzutragen zum Bild einer neuen, persönlichen Kulturbeziehung von Mensch und Musik. Dazu lädt der Kongress Mozart&Science ein.